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Mord an Entwicklungshelfer «Die Frage nach dem Warum ist das Quälendste»

Der ungelöste Mord am Urner Entwicklungshelfer Walter Arnold 1996 in Madagaskar verjährt bald. Rita Arnold Haas, die Schwester des Opfers, hat durch das Verbrechen mehr als einen Bruder verloren.

Rita Arnold Haas

Schwester von Walter Arnold

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Rita Arnold Haas war Rechtsanwältin und Mediatorin. Heute ist sie pensioniert.

SRF News: Der Mord an Ihrem Bruder verjährt bald – ungelöst. Wie ist das für Sie und Ihre Familie?

Rita Arnold Haas: Wir als Angehörige bleiben mit offenen Fragen zurück, vor allem mit jener nach dem Warum. Das ist das Quälendste: wenn man jemanden verliert und nicht weiss, weshalb.

Der Mord an Walter Arnold

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Der Schweizer Entwicklungshelfer Walter Arnold erzählte im Juli 1996 sowohl einem Freund als auch einem Bruder, er sei in Madagaskar einer Sache auf der Spur. Das gebe in der Schweiz einen «Riesen-Chlapf». Am Abend, bevor er andere Geberländer an einer Konferenz informieren wollte, wurde er mutmasslich aus seinem Zuhause weggelockt. Am nächsten Tag fand man ihn verprügelt und erdrosselt auf dem Rücksitz seines Autos in einer Gasse in Antananarivo. Ein möglicher Zeuge – der Sicherheitsmann im Wachhaus von Arnolds Garten – wurde später ebenfalls ermordet. Er hätte vielleicht erklären können, warum oder mit wem Walter Arnold spätabends vom Haus wegfuhr, was er aus Sicherheitsgründen sonst nie tat.

Es gibt verschiedene Spekulationen über das Mordmotiv: Einige vermuten einen Konflikt zwischen chinesischen und lokalen Holzfirmen wegen des Verlaufs von Strassen, die mit Schweizer Geldern finanziert wurden. Andere gehen davon aus, dass jemand bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) die Veruntreuung von Entwicklungshilfegeldern habe vertuschen wollen. Wieder andere vermuten, ein ehemaliger Deza-Vizedirektor habe verbergen wollen, dass er mit seiner Freundin eine Art Bordell betrieb. Die Schweizer Behörden sistierten die Ermittlungen nach einiger Zeit. Die Witwe und die Schwester von Walter Arnold gingen vor Bundesstrafgericht, um die Behörden zum Weiterermitteln zu zwingen, doch sie unterlagen. Am 17. Juli 2026 verjährt der Mord.

Die Zusammenarbeit mit den madagassischen Behörden sei schwierig gewesen, schreibt die Bundesanwaltschaft auf Anfrage. Und die Deza teilt mit, eine interne Untersuchung habe keine Hinweise auf Missstände bei den von der Deza finanzierten Strassenprojekten ergeben.

So bleiben viele Vermutungen zurück. Unsere eigenen Recherchen haben ja manche Deza-Mitarbeitende in ein schlechtes Licht gerückt.

Sie haben selbst recherchiert?

Ja, mehrmals. Besonders mein Bruder Ruedi hat 1996 monatelang intensiv nach dem Warum gesucht und Fakten zusammengetragen. Er hat es geschafft, dass die Bundesanwaltschaft ein Verfahren aufgenommen hat.

Das ist genau das, was Angehörige brauchen: das Gefühl, ernst genommen zu werden.

Dieser Kampf hat ihn aber zermürbt. Sieben Monate nach Walters Tod hat Ruedi den Freitod gewählt. Er war zwar zuvor schon psychisch fragil, aber ich wage zu bezweifeln, dass es ohne den Mord an Walter so weit gekommen wäre – auch wenn man das natürlich nie mit Sicherheit weiss.

Was hätte Ihrem Bruder damals geholfen?

Die damalige Bundesanwältin Carla del Ponte hat postwendend auf ein Schreiben meines Bruders Ruedi reagiert und ihn zu einem Gespräch eingeladen. Das ist genau das, was Angehörige brauchen: das Gefühl, ernst genommen zu werden. Ruedi hatte häufig das Gefühl, er werde zu wenig ernst genommen und die Behörden gingen der Sache zu wenig nach. Diesen Eindruck hatte ich ebenfalls.

Welches Verhalten der Behörden fanden Sie wenig hilfreich?

Diese Floskeln, man habe alles gemacht. Die Untersuchungsberichte sind für Angehörige häufig sehr ernüchternd.

Wenn das so sachlich abgehandelt wird, tut das weh.

Die Behörden müssen so arbeiten, das verstehe ich als Rechtsanwältin, aber manchmal wäre es besser, es wäre weniger formaljuristisch. Mord ist etwas anderes als ein Diebstahl. Da sind Emotionen dabei. Wenn das so sachlich abgehandelt wird, tut das weh.

Spielt es eine Rolle, dass die Bundesbehörden zuständig waren, die stärker vom Schreibtisch aus arbeiten als eine kantonale Justiz?

Spontan gesagt: Ja. Während meiner Arbeit als Rechtsanwältin habe ich viele gute Erfahrungen mit kantonalen Staatsanwältinnen und Staatsanwälten gemacht. Die haben täglich mit Opfern und Tätern zu tun und sind darin geübt. Insofern wäre es vielleicht besser gewesen, die Urner Justiz wäre zuständig gewesen. Die Betroffenheit der Urner Bevölkerung war nämlich gross. Da wäre jemand aus dem Kanton vielleicht engagierter an die Sache herangegangen.

Hilft es, wenn die Bevölkerung mitleidet?

Ja, sehr. Jeder, der mitfühlt, tut einem gut. Dass man spürt: Es wird nicht einfach abgehakt.

Die Idee der Verjährung ist aber gerade, dass «Rechtsfrieden» einkehrt.

Rechtsfrieden ist bei Mord fast ein zynisches Wort. Friede für wen? Ja, für den Staat.

Durch die Verjährung traut sich eine Person vielleicht eher, ihr Gewissen zu erleichtern.

Als Angehörige hat man lebenslänglich mit dem zu leben. Das Wort «Madagaskar» ist in unserer Familie untrennbar mit dem tragischen Schicksal unserer beiden Brüder verbunden. Für uns gibt es keinen Frieden.

Haben Sie noch Hoffnung, dass der Mord aufgeklärt werden könnte – trotz Verjährung?

Einige von uns Geschwistern haben die etwas gutgläubige Hoffnung, dass ein Mitwisser irgendwann etwas an uns herantragen wird. Durch die Verjährung traut sich eine solche Person vielleicht eher, ihr Gewissen zu erleichtern. Uns würde das helfen, das Warum zu klären. Und diesen Personen würde ja nichts mehr passieren.

Das Gespräch führte Sibilla Bondolfi.

Rendez-vous, 29.6.2026, 12:30 Uhr ; 

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