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Munition in Schweizer Seen «Biber», «Wal» und «Schnecke» wollen Munition aus Seen holen

Ideen zur Bergung alter Munition sind da. Doch eine brauchbare Lösung ist in weiter Ferne. So lange keine Giftstoffe ins Seewasser gelangen, wird nicht geräumt. Das kann Jahre dauern.

Das Problem im See: Zwischen 1918 und 1964 wurden in den Schweizer Seen rund 8200 Tonnen Munition im Thuner-, Brienzer-, und Vierwaldstättersee versenkt. Über die Hälfte dieser Menge (4600 Tonnen) liegt auf dem Grund des Thunersees. Kistenweise wurde überzählige oder überalterte Ordonnanzmunition in einwandfreiem Zustand oder Fehlchargen im Seewasser versenkt.

Zwei alte Granaten liegen an einem Seeufer.
Legende: Minengranaten für Feldhaubitzen aus der Zeit des ersten Weltkriegs. Versenkte Munition, die in den 1960er-Jahren in den Vierwaldstättersee geleert worden ist. KEYSTONE/Urs Flueeler

Das Risiko einer Bergung: Würde man die Munition aus der Tiefe holen, wäre das mit erheblichen Risiken für das empfindliche Ökosystem in den Seen verbunden. Das Bundesamt für Rüstung armasuisse sucht deshalb neue technische Lösungen, um diese Munition umweltschonend zu bergen.

Schwierige Bedingungen für eine sichere Bergung

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Die Bergung der versenkten Munition in einer Wassertiefe von 150 bis 220 Metern ist sehr komplex: Neben der Tiefe stellen die schlechte Sicht, die Explosionsrisiken, die Strömung sowie die sehr unterschiedlichen Dimensionen (4 mm bis 20 cm Grösse, 0.4 g bis 50 kg Gewicht) und die Beschaffenheit der versenkten Munition weitere Herausforderungen dar.

Diese Munition ist zudem in bis zu zwei Metern feinen Sedimenten eingebettet, welche bei der Bergung zu einer Trübung führen könnten. Die meisten Munitionsteile bestehen aus Eisen und sind magnetisch, gewisse Zünder jedoch aus nichtmagnetischem Kupfer, Messing oder Aluminium.

Es gibt Fachleute und See-Kenner, die vor einer Bergung warnen. Die Wasserqualität könnte kippen, weil der Sauerstoffgehalt des Wassers gestört werden könnte.

Es sei auch schwierig, unter der Sedimentdecke, bei Null-Sicht, im trüben Wasser die Munition überhaupt zu finden. Und würde man die alten Granaten und Patronen heben, könnte es sein, dass sie wegen dem abnehmenden Druck beim Aufsteigen auseinanderfallen. Das könnte Schadstoffe freisetzen.

Die Suche nach der Lösung: Diese Frage stand im Zentrum eines Ideenwettbewerbs, den das Bundesamt für Rüstung armasuisse 2024 lanciert hat. 214 Vorschläge gingen ein. Eine interdisziplinäre Fachjury aus Behörden, Forschungsinstituten und Hochschulen prüfte daraufhin die Eingaben nach klar definierten Kriterien. Nachfolgend die drei prämierten Ideen:

Idee «Beaver»: Die Idee von IHC Defence (NL) und REASeuro (NL): Die Munition wird unter einer luftgefüllten Taucherglocke, die den Arbeitsbereich während der Bergung vollständig vom See trennt, geborgen. Der «Beaver» verflüssigt die Sedimentschicht am Seegrund und holt die darin liegende Munition mit Hilfe eines Magneten heraus. Auf einem Floss wird die Munition dann neutralisiert.

Idee «Blauwal»: Helbling Technik schlägt ein fahrbares System vor, bei dem eine modifizierte Strandreinigungsmaschine mit Abdeckung aufwirbelnde Sedimente zurückhält. Die Maschine wird von einem Begleitboot aus gesteuert.

Idee «Cochlea»: Das Konzept von Walo Bertschinger sieht einen geschlossenen Kubus vor, in dem die Munition mit einem Schneckenförderer geborgen wird. Die Munition wird in Kammern gesammelt und dann zur Entsorgung gebracht.

Die Nicht-Lösung des Problems: Die prämierten Ideen würden zwar wichtige Ansätze für weitere Untersuchungen liefern, erklärt die Projktleiterin beim Bundesamt für Rüstung, Anne-Laure Gasser. Eine unmittelbare Bergung sei aber nicht geplant und wäre mit den heutigen Erkenntnissen und Mitteln auch noch nicht möglich. Es sei auch keine der eingereichten Ideen unmittelbar umsetzbar.

Die Politik will die Munition in den Seen lassen

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Die Munitionsrückstände in den Schweizer Seen sind ein altes Problem. Der Bund entschied 2012 auf eine Bergung zu verzichten. Die Granaten unter Wasser würden für Mensch und Umwelt keine Gefährdung darstellen. Zudem sei eine Bergung zu teuer und zu gefährlich.

Doch in den letzten Jahren wurden Forderungen aus Umweltschutz und Politik lauter. Ein Umdenken fand statt: Man solle das Problem der Munition in den Seen endlich angehen. Bis zu einer erneuten Kehrtwende.

Trotz Ideenwettbewerb forderten Sicherheitspolitiker im Parlament jüngst einen Übungsabbruch. Man könne sich das nicht leisten, zu teuer, die Prioritäten bei VBS und Armee seien jetzt anderswo. Oder: Es bestehe kein sofortiger Handlungsbedarf. Wichtig sei, dass die Situation in den Seen regelmässig geprüft werde.

So geht es weiter: Der Wettbewerb habe aber interessante Ansätze geliefert, die gelte es nun zu vertiefen. Die armasuisse kann auch weder einen Zeithorizont nennen noch allfällige Kosten einer machbaren Lösung abschätzen. Anne-Laure Gassner sagt: «Es wird noch Jahre dauern.» Aber man habe im Moment auch keinen Grund, die Munition in den Seen zu bergen. So lange keine Schadstoffe ins Wasser gelangen. «Ändert sich das, müssen wir handeln», sagt Projektleiterin Gassner. Denn was heute stabil sei, bedeute nicht, dass es das auch in 20 Jahren noch sei.

Tagesschau, 23.01.2026, 19:30 Uhr; flal; noes

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