Walter Imhof kauert in kurzen Hosen und einem T-Shirt vor einem Felsloch. Er könnte hineinkriechen, gross genug wäre es, er lässt es aber sein.
«Es ist unangenehm hier – sehr kalt», sagt er. Das digitale Thermometer in seiner Hand zeigt 3.2 Grad Celsius. Imhof steht auf: «Ich komme lieber wieder zurück an die Wärme.»
Die Blumen und Gräser rund um das Erdloch wiegeln hin und her. Sie zeugen vom Luftstrom, der hier herrscht. Walter Imhof tritt zwei Schritte zurück und sofort beschlagen in der Sommerhitze die heruntergekühlten Brillengläser.
Der einheimische Walter Imhof ist Muotatal-Kenner, Lokalhistoriker und Höhlenforscher. Er kennt die Löcher, Risse und Grotten, die es hier im Karstgebiet in grosser Zahl gibt: «Es sind Hunderte, vielleicht über tausend, genau weiss das niemand.»
Mit dem bekannten Hölloch haben die Kaltluftlöcher nichts direkt zu tun. Es sind eigenständige, kleinere Höhlen ohne Verbindungen zur grössten Höhle der Schweiz.
Erklären lassen sich die Kaltluftströme mit physikalischen Grundsätzen: Kalte Luft ist dichter als warme und sinkt daher im Innern des Berges ab. Das Phänomen sei an verschiedenen Orten im ganzen Alpenraum zu beobachten, sagt Imhof.
Die kalte Luft in den Spalten und Grotten wurde im Muotatal früher zum Kühlen von Milch genutzt. Die Bauern lagerten hier die Milch, die sie am Abend gemolken hatten. Und zusammen mit der Frischmilch des Morgens hätten sie dann Käse gemacht, erzählt Walter Imhof vor einer Grotte, aus der ebenfalls kalte Luft strömt.
Auch jetzt, mitten in der grössten Sommerhitze, ist der Boden in der Grotte mit Schnee bedeckt. Walter Imhof wundert sich allerdings, wie wenig es ist. «Früher lagen hier bis in den Oktober hinein Eis und Schnee. Die Menge hat in den letzten Jahren bedeutend abgenommen.»
Mit einem verschwitzen T-Shirt hat man hier schnell kalt.
Auf die Kühlung durch die kalte Luft haben die kleineren Schneemengen jedoch keinen Einfluss. Auch hier ist es kalt. «Die Luft hat wohl maximal sechs Grad. Gerade mit verschwitztem T-Shirt hat man hier schnell kalt.»
Quer in der Grotte hängt ein Baumstamm in der Luft, links und rechts verhindern aufgeschichtete Steine das Wegrollen.
«Früher waren es zwei, auf denen die Mutten – grosse hölzerne Schalen, voll mit Milch – abgestellt wurden», erklärt der Lokalhistoriker den früheren Gebrauch. «Ausserdem wurde an den Balken Fleisch aufgehängt. Die kalte Luft hielt die Fliegen fern.»
Die kalte Luft, die aus den Höhlen strömt, hat auch Einfluss auf die Vegetation rund um die Risse und Löcher im Berg: Pflanzen, die normalerweise im Frühling spriessen, blühen hier oft erst Ende Juni oder sogar noch später.
Bei Luftlöchern, die keine natürliche Überdachung hatten, bauten die Bauern und Älpler sogenannte Milchhuusli.
Diese einfachen Hütten wurden direkt vor oder über ein Luftloch gebaut. Das Innere wurde mit Tablaren und Abstellflächen ausgestattet, sodass sich Lebensmittel besser lagern liessen.