Wer die neue Ausstellung im Bernischen Historischen Museum (BHM) betritt, steht gleich zu Beginn vor einem Monument der Schweizer Geschichte: einem kleinen Teil des insgesamt hundert Meter langen Panoramabildes zur Schlacht von Murten.
Zu gross für das Museum
Erst drei Mal wurde das Murten-Panorama in seiner über 130-jährigen Geschichte in voller Grösse ausgestellt: kurz nach seiner Entstehung um 1900 in Zürich und Genf, zuletzt 2002 an der Landesausstellung in Murten.
Und auch in Bern ist nur ein Teil des originalen Panoramas sichtbar. Gerade mal knapp zwei Meter von einer Rolle sind ausgerollt, die schiere Grösse des Originals lässt nicht mehr zu. «Es war eine Zitterpartie, die Rolle überhaupt in die Ausstellung zu hieven», sagt BHM-Direktor Thomas Pauli. Nur mit viel Aufwand sei das gelungen. Eine Rolle ist zehn Meter lang und wiegt mehrere hundert Kilogramm.
Der Höhepunkt der Ausstellung liegt ein paar Schritte weiter: ein abgedunkelter Rundraum mit einer 360-Grad-Projektion. Hier ist das vollständig digitalisierte Panorama zu sehen. «Beim Reinkommen muss man sich kurz balancieren – alles bewegt sich», sagt Thomas Pauli lachend.
Weltweit grösstes Digitalbild
Verantwortlich für die digitale Version ist ein Team der ETH Lausanne. Mit einer Spezialkonstruktion fuhren die Forschenden über das empfindliche Objekt und nahmen 27'000 hochauflösende Fotografien auf.
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Bild 1 von 3. Das Labor für Experimentelle Museologie der ETH Lausanne hat das Panorama der Schlacht von Murten digitalisiert. Bildquelle: ETH Lausanne.
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Bild 2 von 3. 27'000 Einzelbilder: Das Gemälde wird dank der Digitalisierung zugänglich – für Forschende, aber auch einer interessierten Öffentlichkeit. Bildquelle: ETH Lausanne.
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Bild 3 von 3. Louis Braun war ein bekannter Historien- und Militärmaler und schuf mehrere Panoramabilder. Bildquelle: ETH Lausanne.
Das Ergebnis ist das weltweit grösste Digitalbild eines historischen Objekts. Ein Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde inklusive. Für Museumsdirektor Thomas Pauli ist die Digitalisierung mehr als ein technischer Triumph: «Sie ist auch ein Beitrag zur Langzeitarchivierung. Sollte das Original jemals Schaden nehmen, bleibt diese hochauflösende Form erhalten.»
Es ist wie ein riesiges Wimmelbild. Man kann sich vollkommen darin verlieren.
Mittels Joystick können Besucherinnen und Besucher durch das Bild navigieren. Mit wenigen Bewegungen zoomt man in die Schlacht: zu Rüstungen, Pferden und anderen Details.
Braucht es noch das Original?
«Es ist wie ein riesiges Wimmelbild», sagt Aline Minder, Programmverantwortliche des BHM. «Man kann sich vollkommen darin verlieren.» Zum Beispiel in der Szene, in der die Eidgenossen den Schatz von Karl dem Kühnen plündern. «Mittels digitaler Version kann man sich spielerisch mit dem Bild auseinandersetzen und bekommt einen einen Eindruck von der Monumentalität des Bildes.»
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Bild 1 von 3. Die entblössten Brüsten sollten die Frauen davor schützen, von den Eidgenossen getötet zu werden. «Die Szene zeigen eher die Vorstellungen des Künstlers als die historische Realität», so Programmleiterin Aline Minder. Bildquelle: ETH Lausanne.
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Bild 2 von 3. Eine Plünderungsszene: Die Eidgenossen machen sich über den Burgunderschatz her. Bildquelle: ETH Lausanne.
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Bild 3 von 3. Im Kampf: Auch Karl der Kühne – der Herzog von Burgund – wird gezeigt. Obwohl sein Heer militärisch den Eidgenossen überlegen war, wurde er besiegt. Bildquelle: ETH Lausanne.
Wozu braucht es also noch das Originalbild – wenn es nun eine praktischere digitale Version gibt? Das Digitalbild sei kein Ersatz für das Original, ist Aline Minder überzeugt: «Auf der digitalen Version sind beispielsweise die silbern glänzenden Applikation, die auf Rüstungen und Waffen angebracht sind, nicht zu sehen. Damit wollte der Maler, die Szenerie wohl realistischer erscheinen lassen.»
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Bild 1 von 3. Die Schlacht von Murten von 1976 endete mit einem Sieg der Eidgenossen über das Heer von Karl dem Kühnen. Bildquelle: ETH Lausanne.
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Bild 2 von 3. Die Schlacht gilt als Wendepunkt im Burgunderkrieg. Bildquelle: ETH Lausanne.
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Bild 3 von 3. Sie festigte die Macht der Alten Eidgenossenschaft in der Region. Bildquelle: ETH Lausanne.
Und auch für Museumsdirektor Thomas Pauli ist klar, jedes Original ist unverzichtbar. «Die Geschichte hinter den realen Dingen zur erzählen, bleibt der Kernauftrag eines Museums», sagt der Museumsdirektor. Das Digitalbild könne dabei aber eine neue Perspektive hinzufügen.