Felix Immoos hält einen mattsilbernen, verbeulten Gegenstand in den Händen. «Das war mein erster Helm, den habe ich bis heute aufbewahrt», sagt er. Der Schalk blitzt aus seinen blauen Augen, als er anfügt: «Das alte Kopfwehblech.»
Seine Herkunft – Morschach im Kanton Schwyz – ist nicht zu überhören. Ein Auswärtiger muss gut hinhören, um den urchigen Dialekt zu verstehen. Seile werden zu «Seileren», einem kleinen Erdrutsch sagt er «Flarz», dem Februar «Horner» und der Helm ist eben das «Kopfwehblech».
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Bild 1 von 2. Mit dem Helm links war Felix Immoos kurz vor seiner Pension unterwegs. Der Helm rechts gehörte bei seinem Arbeitsbeginn vor 48 Jahren zur Standardausrüstung. Als Fan der Skirennfahrerin Erika Hess hat er damals ihren Namen auf den Helm geschrieben. Bildquelle: SRF/Anna Hug.
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Bild 2 von 2. Die Arbeit als Felsputzer war nicht der einzige Job von Felix Immoos. Er führte auch einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb, den er mittlerweile seinem Sohn übergeben hat. Auch nach seiner Pension wird er da mithelfen. Bildquelle: SRF.
Es ist der Helm, den Immoos trug, als er im Alter von 16 Jahren mit der Arbeit als Felsputzer an der Axenstrasse begann. Dem Job ist Immoos ein Leben lang treu geblieben. Jetzt, 48 Jahre später, geht er in Pension.
Eine gefährliche Strasse
Die Axenstrasse, diese launige Verbindung zwischen Uri und Schwyz, kennt er wohl wie kein Zweiter. Seit ihrer Eröffnung in den 1860er-Jahren gilt sie als Schlüsselachse entlang des Urnersees – und als eine der heikelsten Strassen der Schweiz. In den Fels gesprengt, unter steil abfallenden Wänden entlanggeführt, war sie schon immer anfällig für Steinschlag und Felsstürze.
Unzählige Male wurde sie gesperrt, immer wieder rückte Felix Immoos aus, um sie erneut befahrbar zu machen. «Wir sind hier in der Natur, in den Bergen. Hier kann immer etwas passieren», sagt er. Im Jahr 1984 zum Beispiel, als eine kleine Sprengung einen riesigen Felssturz auslöste. Die Strasse musste repariert und gesichert werden und war während mehrerer Wochen gesperrt.
Abenteuerliche Arbeitsweise
Meist war es weniger spektakulär – aber nicht weniger gefährlich. Mit Blechhelm, Hanfseil und Eisenstange rückten die Felsputzer in den 1980er- und 1990er-Jahren jeweils aus, um die Hänge oberhalb der Axenstrasse freizuräumen, bevor das Gestein von selbst kam.
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Bild 1 von 4. Einem simplen Hanfseil und einem Brett vertrauten die Felsputzer der Axenstrasse lange ihr Leben an. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. In den steilen Felshängen oberhalb der Strasse lösten sie loses Gestein, bevor dieses unkontrolliert abstürzte. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. So sah die Strasse nach der Arbeit der Felsputzer jeweils aus,. Bildquelle: ZVG.
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Bild 4 von 4. Felix Immoos hat die alte Ausrüstung aufbewahrt. Im Tornister hätten sie das Znüni mitgeführt: «Kaffee, Speck und Schnaps. Damals durfte man noch ab und zu ein Schlückchen nehmen.» . Bildquelle: SRF/Anna Hug.
Nach heutigen Massstäben wirkt das abenteuerlich. «Das Brett hier klemmten wir uns ans Füdle und befestigten es am Seil, dann liess dich der Kollege den Hang hinunter. Mit dem Eisen entfernten wir das lose Material.» Angst habe er dabei eigentlich keine gehabt. «Das Schlimmste war, wenn du dich an einer überhängenden Stelle zu drehen begonnen hast.»
Risiken der Arbeit
Vereinzelt sei es bei der Arbeit schon zu brenzligen Situationen gekommen. «Erst diesen Frühling ist einem Kollegen ein Stein auf die Brust gestürzt», erinnert sich Immoos. «Das ist mir eingefahren, muss ich schon sagen.» Der Kollege sei aber noch selbst den Hang hochgekommen, obwohl er sich die Rippen gebrochen hatte.
Dass ihm selbst nie etwas Ernsthaftes passiert sei, habe einerseits mit Glück zu tun, ist Immoos überzeugt. «Ich hatte einen gehörigen Schutzengel.» Andererseits habe es aber auch am Team gelegen: «Auf meine Kollegen konnte ich vertrauen, das war ein wichtiger Faktor.»
Ein entscheidender Moment
In gefährlichem, steilem Gelände war Felix Immoos auch unterwegs, als er die wohl wichtigste Entdeckung seines Lebens machte. Er und seine Kollegen stiessen im Februar 1992 im Gebiet Ölberg auf ein 15’000 Kubikmeter grosses Stück Fels, das sich gelöst hatte und abzustürzen drohte. Die Strasse wurde sofort gesperrt, der Felsen musste gesprengt werden.
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Bild 1 von 5. Dieses Stück Felsen drohte im Jahr 1992 abzustürzen. Grafik des Schweizer Fernsehens von damals. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 5. Ein junger Felix Immoos erklärt im Schweizer Fernsehen, wie er auf den grossen Spalt im Felsen gestossen ist. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 5. Die Sprengung im Jahr 1992 war ein Medienereignis sondergleichen. Umringt von Journalisten gibt Sprengmeister Günther Schwarz den Befehl zur Detonation. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 5. Die Sprengung verlief ohne Probleme. Zu einer Flutwelle – wie sie einige Verantwortliche befürchteten – kam es nicht. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 5. Nach der Sprengung des 15’000 Kubikmeter grossen Felsens war die Galerie darunter zerstört. Der Wiederaufbau dauerte mehrere Monate. Bildquelle: SRF.
Die Medien verfolgten das Ereignis eng, und die Sprengung wurde im Schweizer Fernsehen sogar live übertragen. Felix Immoos erlangte als Entdecker des losen Felsens nationale Bekanntheit.
Plötzlich merkte ich, wie ich mit dem Fuss einsank.
Im Fernsehen schilderte er den entscheidenden Moment: «Plötzlich merkte ich, wie ich mit dem Fuss einsank. Man hörte, wie ein Stein eine Spalte hinunterchlotterte.» Immoos war auf einen grossen Riss im Felsen gestossen. «Auch die Kollegen sagten sofort: Da ist etwas nicht in Ordnung.»
Durch diese zufällige Entdeckung konnten Immoos und seine Kollegen wohl eine grössere Katastrophe verhindern. Trotz der kontrollierten Sprengung zerstörte der lose Felsbrocken einen grossen Teil der Strasse, und sie musste für mehrere Monate gesperrt werden. Stolz fühle er im Rückblick keinen, sagt der pensionierte Felsputzer heute. «Das gehört zu dieser Arbeit. Deshalb haben wir sie gemacht.»
Mehr Sicherheit am Berg
Seither ist einiges gegangen. Im Laufe der Karriere von Felix Immoos wurde etwa die Ausrüstung der Felsputzer modernisiert. Das Holzbrett wich einem Klettergstältli, und das einzelne Hanfseil wurde durch zwei Nylonseile ersetzt. Ausserdem sorgt ein Abseilgerät für zusätzliche Sicherheit. «Die Eisenstange ist geblieben», so Immoos.
Auch die Axenstrasse hat sich gewandelt. Immer wieder wurde sie ausgebaut, verbreitert und gesichert – ein fortlaufendes Projekt. Spritzbeton, Felsanker und Netze machen sie heute widerstandsfähiger. Sensoren überwachen die Hänge und sperren die Strasse automatisch, sobald sich etwas bewegt.
Die Axenstrasse der Zukunft
Bewegungen gibt es nämlich nach wie vor. Immer wieder schlagen die Sensoren Alarm: Alleine in den vergangenen Wochen musste die Axenstrasse zweimal gesperrt werden.
Doch bald soll sich das grundlegend ändern. Nach jahrzehntelanger Planung und politischem Hin und Her wird die Strasse in den Berg verlegt – ein Generationenprojekt, das die Gefahren an der Oberfläche dauerhaft entschärfen soll.
Ab 2033 soll die Axenstrasse durch zwei Tunnel führen. Für Immoos, der sein Leben lang loses Gestein über der exponierten Strecke entfernt hat, ist es die einzig richtige Lösung. «Ich habe nie verstanden, weshalb so lange gekachelt wurde, bis diese Tunnel endlich kamen.»
Vor drei Jahren haben die Arbeiten für die neue Axenstrasse begonnen, seit gut einem Monat laufen die Sprengungen für einen der Tunnel. Dass Felix Immoos im selben Monat in Pension geht, in dem der Tunnelbau Fahrt aufnimmt, hat etwas Symbolisches: Mit ihm verabschiedet sich auch ein Stück der alten Axenstrasse.