300 Menschen verloren am 28. Mai vergangenen Jahres innert weniger Minuten ihr Zuhause. Bald wurde klar: Blatten soll wieder aufgebaut werden. Resignation und Verzweiflung sind in Tatendrang umgeschlagen.
Beim Wiederaufbau soll die ganze Bevölkerung mitreden. So haben sich am Samstag über 200 Personen in Wiler, dem Nachbardorf von Blatten, versammelt. Viele möchten zurückkehren. Seit die Rahmenbedingungen klarer seien und der Wiederaufbau absehbar sei, haben er und seine Familie diesen Entschluss auch gefasst, sagt ein Mann. «Vorher war diese Entscheidung für uns nicht möglich. Man kann ohne Grundlage nicht entscheiden.»
Ein Zweitwohnungsbesitzer, der seine Ferienwohnung verlor, äussert sich verhaltener: «Es wird ein neues Blatten geben, davon bin ich überzeugt. Ich gehe davon aus, dass es ein bis zwei Generationen braucht, bis die Leute wieder richtig Fuss fassen.»
Trotzdem herrscht unter der Bevölkerung eine spürbare Aufbruchstimmung. Der Familienvater ist positiv gestimmt: «Man merkt: Es geht etwas, es ist viel möglich, es schaffen viele Leute daran.»
Expertenbüro begleitet Diskussionen
Bereits im Februar sind die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner von Blatten zusammengekommen. Sie haben diskutiert, wie das neue Blatten aussehen soll. Themen waren Sicherheit, Eigenständigkeit, Erreichbarkeit und die Rolle Blattens als Tourismusort. Eine eigens dafür geschaffene Aufbaukommission begleitet diese Diskussionen. Ein externes Expertenbüro wertet sie aus.
Am Samstag konnte die Bevölkerung die gesammelten Ideen auf grossen Tafeln begutachten und bewerten. Ein handgeschriebener Zettel fordert: «Kein Heidi-Land!» Insgesamt 15 Stunden Interviews haben die Expertinnen und Experten mit der Bevölkerung aufgenommen. Und sie haben über 1700 Post-it-Zettel ausgewertet.
-
Bild 1 von 3. Die vielen Ideen für das neue Blatten wurden auch visuell festgehalten. Bildquelle: SRF/Ruth Seeholzer.
-
Bild 2 von 3. Eine Zeichnung zeigt den autofreien Dorfkern. Autos sollen ausserhalb in einer Garage parkiert werden. Bildquelle: SRF/Ruth Seeholzer.
-
Bild 3 von 3. Auf Post-it-Zetteln ist der Wunsch nach der Verwendung von Holz für den Wiederaufbau der Häuser festgehalten. Es soll keine «Retorten-Chalets» geben. Bildquelle: SRF/Ruth Seeholzer.
Noch ist das neue Blatten bloss eine Idee. Diese soll aber rasch konkretisiert werden, wenn es nach Gemeindepräsident Matthias Bellwald geht: «Es ist unsere Aufgabe und Pflicht, alles daran zu setzen, dass die Leute auf die eine oder andere Art das zurückerhalten, was sie verloren haben. Das muss natürlich rasch gehen.»
Und doch nimmt sich das Dorf Zeit, alle Wünsche aufzunehmen. Die Mitbestimmung sei «urschweizerisch und demokratisch», sagt Bellwald.
Ein grosser Wunsch, so stellte sich im Laufe der Diskussionen heraus, ist es, einen Begegnungsort zu schaffen, einen Dorfplatz. Da sind sich fast alle einig. Doch die Geister scheiden sich zum Beispiel daran, ob der Dorfplatz autofrei sein soll. Ein Mann fasst es so zusammen: «Es wird nicht für jeden die Möglichkeit geben, sein Dorf zu haben. Aber insgesamt bin ich überzeugt, dass es ein wunderbares Ding wird.»
Bau der Kantonsstrasse beginnt bald
Alle Vorstellungen, Ideen und auch die identifizierten Spannungsfelder werden nun in einem Weissbuch gebündelt und später an die Planungsbüros übergeben. Mit dem Wiederaufbau könnte es rasch vorwärtsgehen: Der Bau des Herzstücks, der neuen Kantonsstrasse nach Blatten, beginnt in wenigen Wochen.
Das sind ermutigende Zeichen für die Menschen von Blatten, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Die Zukunftspläne helfen beim Verarbeiten, wie der Familienvater sagt. Der Schmerz durch den Bergsturz wird bei vielen wohl nie vergehen.