Die USA haben 60 Volkswirtschaften, darunter auch der Schweiz, neue Zölle angedroht. Diese Staaten würden Importe von Produkten aus mutmasslicher Zwangsarbeit nicht verhindern oder bestehende Importverbote nicht genügend überprüfen. Was ist dran an diesem Vorwurf?
Nachhaltige Lieferketten: Schweiz ohne klare Vorgaben
Im europäischen Vergleich hinke die Schweiz punkto nachhaltiger Lieferketten hinterher. Das erklärt Nicolas Bueno, Assistenzprofessor an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Fern-Universität Schweiz.
Bueno, der zu Menschenrechten in der globalen Wirtschaft geforscht hat, begründet seine Einschätzung damit, dass die Schweiz im Gegensatz zur EU keine Rechtsvorschriften verfüge, die Unternehmen dazu verpflichten, Zwangsarbeit in ihrer Lieferkette zu verbieten. Die Schweiz habe zudem keine Massnahmen ergriffen, um die Einfuhr von Produkten aus Zwangsarbeit zu verbieten. Aber: Ein entsprechender Gesetzesentwurf ist derzeit in Arbeit.
Dieser Entwurf gelte nur für grosse Unternehmen, so Nicolas Bueno. Er verpflichte diese, Zwangsarbeit in ihrer Lieferkette zu verbieten. Die EU hingegen hat eine Verordnung zum Verbot der Einfuhr von Zwangsarbeit – die Schweiz hat diese nicht übernommen. Sie gehe davon aus, dass dies Probleme im Hinblick auf den freien Warenverkehr mit sich bringen könnte. Für Nicolas Bueno ist dies jedoch fraglich.
Zwangsarbeit: Starke Gesetze, schwierige Kontrolle
Dass die Schweiz zu wenig dagegen unternehme, weist der Wirtschaftsverband Economiesuisse zurück. Zwangsarbeit sei in der Schweiz verfassungs-, zivil- und strafrechtlich verboten. Zudem habe die Schweiz die einschlägigen IAO-Konventionen ratifiziert und mit dem Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte die UN-Leitprinzipien umgesetzt.
Aus rechtlicher Sicht ist jeder Staat verpflichtet, Zwangsarbeit zu bekämpfen, da dies eine grundlegende Norm der Internationalen Arbeitsorganisation IAO ist. Zwangsarbeit ist ein strafrechtlich verfolgbares Verbrechen. Die Schwierigkeit bei der Bekämpfung von Zwangsarbeit bestehe darin, so Nicolas Bueno, dass Zwangsarbeit im Verborgenen ausgeübt werde.
«Personen, die zur Arbeit gezwungen werden, haben in der Regel auch keinen Arbeitsvertrag, werden ausgegrenzt und können keine Beschwerden einreichen oder vor Gericht gehen, um ihre Rechte geltend zu machen.»
Bau, Reinigung, Kakao besonders gefährdet
Wenn Produkte über Lieferketten auch in die Schweiz exportiert werden, sei es schwierig, die genaue Herkunft und mögliche Zwangsarbeit festzustellen. Laut Rechtsprofessor Bueno könnten Importländer Druck auf den Exportstaat ausüben und ihn veranlassen, gegen Zwangsarbeit vorzugehen.
Man könnte auch Zwischenhändler bestrafen, die von Zwangsarbeit profitieren würden, und den Arbeitsmarkt «sanieren». Das würde zwar die Arbeitsplätze der Menschen unter Zwangsarbeit gefährden, dafür könnte sich jedoch der Markt verlagern und Chancen für andere Arbeitnehmende im Land schaffen, die nicht unter Zwangsarbeit stünden.
Gemäss IAO sind weltweit 27.6 Millionen Frauen, Männer und Kinder von Zwangsarbeit betroffen. Zwangsarbeit gilt als schwerwiegende Menschenrechtsverletzung. Im Jahr 2024 sollen laut Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation Unternehmen weltweit 236 Milliarden US-Dollar an illegalem Profit dank Zwangsarbeit erwirtschaftet haben.