Es steht sinnbildlich für den Gewinn des Wakkerpreises, den die Gemeinde Brig-Glis erhält: Das ehemalige Gästehaus St. Ursula liegt in der Altstadt von Brig-Glis neben dem Stockalperschloss mit Aussicht auf die Stadt. Früher lebten hier Schwestern des Ursulinen-Ordens. Heute dient das Haus als Hotel und im angrenzenden Neubau befindet sich eine Asylunterkunft.
«Diese Umnutzung ist ein Beispiel für den verantwortungsvollen Umgang mit baukulturellem Erbe», sagt David Vuillaume, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes. Sie zeige, wie historische Einrichtungen, die über lange Zeit gesellschaftliche Aufgaben wahrnahmen, sinnvoll weitergenutzt werden könnten.
Brig-Glis ist ein Ort, wo man ankommt.
Heute wie früher gelte im ehemaligen Gästehaus eine Willkommenskultur. «Das macht die Identität von Brig-Glis aus – es ist ein Ort, an dem man ankommt», sagt Vuillaume.
Moderne Architektur im Dialog mit Historischem
Dieses Gespür für die Verbindung von Altem und Neuem ist mit ein Grund, weshalb Brig-Glis den Wakkerpreis 2026 erhält. «In Brig gibt es viele moderne Bauten, die mit älteren Gebäuden im Dialog sind», sagt Vuillaume – «die architektonische Qualität ist sehr hoch».
Wakkerpreis 2026: Orte der Verbindung
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Bild 1 von 5. Stockalperpalast. Der moderne Pavillon fügt sich dezent in den Park des Stockalperpalasts ein. Bildquelle: Keystone/Gaëtan Bally.
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Bild 2 von 5. Bahnhofareal. Das Bahnhofgebäude von 1906 im neoklassizistischen Stil zeugt von der Blütezeit des Eisenbahnzeitalters. Ab 2028 soll der Bahnhofsplatz nach Plänen von Luigi Snozzi neugestaltet werden. Bildquelle: Keystone/ Gaëtan Bally.
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Bild 3 von 5. Postgarage. Die markante Halle aus vorgefertigten Z-förmigen Betonelementen lässt viel Licht einfallen, der viergeschossige Wohnturm ragt darüber hinaus. Bildquelle: Keystone/Gaëtan Bally.
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Bild 4 von 5. Kollegium Spiritus Sanctus . Der «Bildungshügel» vereint Bauten vom 17. Jahrhundert bis zum Terrassenbau aus Sichtbeton in den 1960er-Jahren. Bildquelle: Keystone/Gaëtan Bally.
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Bild 5 von 5. Schlösschen Mattini. Das Jugendwohnheim Mattini kombiniert das historische Schlösschen, eine ausgebaute Stallscheune und einen Neubau von 2014. Bildquelle: Keystone/Gaëtan Bally.
Als weiteres Beispiel nennt er den Pavillon im Park des Stockalperpalasts. «Das ist moderne, eigenständige Architektur, die gleichzeitig den Stockalperpalast nicht konkurrenziert.»
Naturgewalt prägt das Stadtbild
Nebst der gelungenen Verbindung von Alt und Neu zeichnet Brig-Glis laut Schweizer Heimatschutz noch etwas anderes aus: die Resilienz. So gelinge es der Gemeinde immer wieder, sich an das veränderte Klima anzupassen.
Fakt ist: Die Natur prägt Brig-Glis seit jeher. Überschwemmungen, Lawinen und Erdrutsche gehören zum Alltag. Einschneidend war das Unwetter von 1993, als die Saltina weite Teile der Gemeinde überflutete. «Statt sich mit grossen Infrastrukturen vor weiteren Überschwemmungen zu schützen, hat man die Gelegenheit genutzt, die Stadt attraktiver zu machen», sagt David Vuillaume vom Schweizer Heimatschutz. So wurde etwa der Sebastiansplatz als Fussgängerzone gestaltet.
Die Anpassung an klimatische Bedingungen gehe aber noch weiter: Baumalleen verbesserten das Mikroklima und Biodiversitätsflächen förderten die Artenvielfalt. Gleichzeitig nutzt die Stadt die Natur als Ressource für Erholung und Sport.
«Endlich etwas Positives im Wallis»
Der Briger Stadtpräsident Mathias Bellwald zeigt sich erfreut über die Auszeichnung: «Der Wakkerpreis erfüllt uns mit Stolz und Dankbarkeit – endlich einmal etwas Positives im Wallis.» Der Preis zeige, dass Brig-Glis ein Bewusstsein dafür habe, wo es sich lohne, etwas zu erhalten und wo nicht.
Aber es sei nicht immer einfach, Tradition und aktuelle Bedürfnisse zu verbinden – das habe man beim ehemaligen Gästehaus St. Ursula gesehen. Anfänglich habe es Widerstand gegen die geplante Asylunterkunft gegeben. «Aber es ist normal, dass Meinungen aufeinanderprallen, wenn man etwas Neues entwickelt», sagt Bellwald.
Und auch Schwester Nicole vom Kloster St. Ursula in Brig ist zufrieden, wie Altes mit Neuem verbunden wurde. Dass das ehemalige Gästehaus heute Hotel und Asylunterkunft zugleich ist, findet sie richtig: «Letztlich sind wir alle Gäste des Herrgotts», sagt sie und betont die Wichtigkeit der Vielfalt.
Die offizielle Übergabe des Wakkerpreises findet am 20. Juni 2026 im Rahmen einer öffentlichen Feier statt.