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Neue Schadstoffmessungen «Die Bedrohung durch das Ozonloch war offensichtlicher»

Das Ozonloch wird seit Jahren mittels Abkommen bekämpft. Gemäss einer Studie schliesst es sich langsamer als gedacht.

Das Ozonloch schliesst sich. Eine neu publizierte Studie der Empa zeigt aber auch: Es schliesst sich nicht so schnell wie vorausberechnet. Wieso das so ist und was man daraus lernen kann, sagt Umweltchemiker Stefan Reimann.

Stefan Reimann

Umweltchemiker bei der Empa

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Stefan Reimann ist Leiter der Gruppe Klimagase in der Abteilung Luftschadstoffe bei der Empa. Er ist Atmosphären-Chemiker.

SRF News: Was haben Ihre Messungen – unter anderem auf dem Jungfraujoch – zum Ozonloch ergeben?

Stefan Reimann: Mithilfe unserer Messungen können wir abschätzen, wie hoch die Emissionen von ozonabbauenden Fluorkohlenwasserstoffen (FCKW) auf der ganzen Welt sind. Der Einsatz dieser Stoffe ist weltweit verboten. Als Ausnahme können diese Stoffe jedoch noch als sogenannte Feedstocks eingesetzt werden. Beispiele dafür sind die Produktion von Kunststoffen oder die Herstellung der neusten Generation von Kühlmitteln, die zum Beispiel in Autoklimaanlagen eingesetzt werden.

Was ist das Montreal-Protokoll?

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Das Montreal-Protokoll ist ein internationales Abkommen zum Schutz der Ozonschicht durch die schrittweise Reduktion und Abschaffung ozonabbauender Stoffe. Es wurde 1987 von den Vertragsparteien des Wiener Übereinkommens zum Schutz der Ozonschicht angenommen und trat 1989 in Kraft.

Es ist eines der ersten Abkommen im Umweltvölkerrecht und gilt als erfolgreiches Beispiel für internationales Umweltmanagement.

Unsere Messungen haben belegt, dass bei diesen Prozessen zurzeit fast 4 Prozent der verwendeten Menge in die Atmosphäre gelangen, obwohl die Industrie nur mit Verlusten von 0.5 Prozent rechnet. Falls diese Verluste nicht verkleinert werden, wird es zwischen 6 und 11 Jahren länger dauern, bis es kein Ozonloch mehr gibt.

Ein Gebäude mit einer Kuppel auf dem Jungfraujoch
Legende: Auf dem Jungfraujoch befindet sich eine Messstation für Fluorkohlenwasserstoffe in der Luft. SRF/EMPA/P.Barachi

Kann man diese Chemikalien nicht ersetzen?

Es gibt bereits Klimaanlagen, bei denen nur Kohlenwasserstoffe wie zum Beispiel Propan eingesetzt werden. Für dessen Herstellung braucht es keine Feedstocks. Schwieriger ist es bei Kunststoffen wie PVC oder Teflon. Diese sind in gewissen Anwendungen nur schwer zu ersetzen. Deshalb ist es wichtig, dass die Emissionen so gering wie möglich bleiben.

Damals dachte man, das Problem der Feedstock-Chemikalien sei vernachlässigbar.

Wieso hat man im Montreal-Protokoll für Feedstock-Chemikalien eine Ausnahme gemacht und sie nicht ganz verboten?

Damals dachte man, das Problem sei vernachlässigbar. Nun läuft es aus dem Ruder. Im Moment werden 160 Prozent mehr von diesen Feedstock-Chemikalien produziert als vor zwanzig Jahren.

Ein Kasten, in dem eine Maschine steckt und der neun Bedienfelder hat.
Legende: Das Messsystem Medusa auf dem Jungfraujoch misst die Ozonwerte. SRF/EMPA/Peter Barachi

Wieso hat man es damals geschafft, ein Abkommen zum Schliessen des Ozonlochs zustande zu bringen, und heute bei der Klimaerwärmung schafft man es nicht?

Für die FCKW hatte man damals schon Ersatzprodukte. Die damaligen Ersatzprodukte sind heute zwar auch verboten, und wir sind schon bei der vierten Ersatzgeneration. Beim Klima hat man keine Ersatzstoffe. Es gibt zwar Solarstrom und Windkraft, aber wie die aktuelle globale Lage ja zeigt, ist die Welt immer noch stark vom Öl abhängig. Dazu kommt, dass die ölproduzierenden Staaten ein eher geringes Interesse daran haben, die Produktion zurückzufahren.

Man wusste vor 40 Jahren, dass es Millionen von Hautkrebsfällen gibt, wenn es so weitergeht.

Vor 40 Jahren war das Interesse grösser, einen Konsens zu finden?

Man hat damals begriffen, dass etwas Dramatisches passiert ist. Man wusste, wenn es so weitergeht, gibt es Millionen von Hautkrebsfällen, und sogar die Herstellung von Lebensmitteln in der Landwirtschaft würde beeinträchtigt, wenn die UV-Strahlung nicht mehr durch die Ozonschicht abgefiltert wird. Die Bedrohung war offensichtlicher als heute bei der Klimaerwärmung.

Wenn Wissenschaft, Politik und Industrie zusammenarbeiten, dann kann man in Umweltfragen etwas erreichen.

Was kann man aus dem Montreal-Protokoll lernen?

Wenn Wissenschaft, Politik und Industrie zusammenarbeiten, dann kann man in Umweltfragen etwas erreichen. Der springende Punkt ist der, dass es alle wollen müssen. Wissenschaft bietet auf jeden Fall die Entscheidungsgrundlage für den weiteren Prozess.

Was sind die Folgen, wenn sich die Ozonschicht weniger schnell erholt?

Man muss mit x-Tausenden Hautkrebsfällen rechnen, die vermeidbar wären. Und die harte UV-Strahlung führt auch zu Ernteausfällen.

Das Gespräch führte Eveline S. Kobler.

SRF 4 News, 16.4.2026, 11 Uhr ; 

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