Worum geht es? Am Dienstag ist bekannt geworden, dass in der Schweiz ein neuer Verband für Physiotherapeutinnen und -therapeuten gegründet wurde, der Branchenverband Prophysio. Hintergrund dafür ist die von drei Partnern ausgehandelte neue Abrechnungsstruktur für Physiotherapien. Durch sie sehen sich gewisse Anbieter von Physiotherapien benachteiligt. Die Tarifstruktur ist im Krankenversicherungsgesetz KVG festgelegt.
In einer Umfrage in der Branche, durchgeführt vom Institut Sotomo unter 2800 Befragten, bewerten 71 Prozent der Befragten die neue Tarifstruktur als «sehr negativ oder eher negativ». Diese Umfrage gilt nicht als repräsentativ.
Was bringt die Abspaltung? Der Gesundheitsexperte beim Vergleichsdienst Comparis, Felix Schneuwly, äussert im Gespräch mit SRF ein gewisses Verständnis für den Bruch. Die Lage der Physiopraxen sei schwierig, weil die Teuerung nie ausgeglichen worden sei, aber die Kosten ständig stiegen. Doch er sagt: «Ich befürchte, dass der Alleingang in diesem engen regulatorischen Korsett des KVG nichts bringt.»
Das Verhandlungsergebnis bei der neuen Tarifstuktur stellt mittelfristig ein Versorgungsriskio dar.
Was will der zweite Verband bewirken? Die Gründung des zweiten Verbandes sei aus der Not heraus geschehen, stellt Alexandra Helbling von Prophysio klar, denn: «Das Verhandlungsergebnis bei der neuen Tarifstruktur stellt mittelfristig ein Versorgungsrisiko dar.» Sie begründet dies so: «Die neue Tarifstruktur bildet die Realität nicht annähernd ab und sie setzt auch Fehlanreize.» Der geplante Zeittarif führe zu einer Mengenausweitung, aber in evidenzbasierter Physiotherapie sei nicht die Behandlungszeit massgebend, sondern die Behandlung selbst.
Was meint der bestehende Verband zu dieser Abspaltung? Die Leiterin der Kommunikation von Physioswiss, Chantal Mathys, sagt: «Physioswiss nimmt die Gründung zur Kenntnis und respektiert, dass unterschiedliche Vorstellungen zur Verbandsarbeit bestehen können. Physioswiss vertritt die gesamte Branche: über 12'000 Mitglieder sowie Organisationen der Physiotherapie.» Weiter hält sie fest, dass Physioswiss der anerkannte Tarifpartner bleibe und sie im neuen Verband keine Konkurrenz sehe. Sie sagt: «Eine Zersplitterung der Interessenvertretung würde die Verhandlungsposition der gesamten Branche schwächen – genau jetzt, wo die entscheidenden kantonalen Taxpunktwert-Verfahren laufen.»
Senkt die neue Struktur für Physios die Gesundheitskosten? Dazu sagt Experte Schneuwly: «Ich denke, das gelingt nicht.» Für ihn bleibt das grundsätzliche Problem im KVG bestehen. «Es werden nur Mengen vergütet, man hat keine Anreize für Effizienz und Qualität.» Er weist auch auf den Grundwiderspruch in der Gesellschaft hin: «Niemand will höhere Krankenkassenprämien bezahlen und niemand will Kürzungen bei den Leistungen.»
Können die Differenzen nicht intern ausgetragen werden, dann passiert es öffentlich. In der Regel entscheidet dann die Politik.
Was bedeutet es, wenn es nun zwei Verbände gibt? Sowohl in der Pharma als auch bei der Ärzteschaft existierten zwei Interessenverbände. Schneuwly sagt: «Diese beiden Branchen schaffen es, ihre Differenzen nicht an der Öffentlichkeit auszutragen.» Doch er prophezeit: «Können die Differenzen nicht intern ausgetragen werden, dann passiert dies öffentlich. In der Regel entscheidet dann die Politik. Und das ist für die Interessengruppen weniger gut.»
Wie geht es weiter? Im April 2026 reichten die drei Verbände die neue Tarifstruktur beim Bundesrat zur Genehmigung ein. Das laufende Prüfverfahren werde durch die Gründung von Prophysio nicht gestoppt, schrieb das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage von Keystone-SDA am Dienstag.