Ab dem 1. Juli wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung ausdrücklich im Zivilgesetzbuch verankert. Körperliche Bestrafungen und andere erniedrigende Behandlungen von Kindern sollen damit ein klares gesellschaftliches Nein erhalten.
Für das Kinderschutzzentrum St. Gallen, bei dem sich auch Betroffene melden, ist das ein wichtiger Schritt. Dessen Fachmitarbeiterin Anna Mähr erklärt im Interview, weshalb viele Eltern heute an ihre Grenzen stossen.
SRF News: Ab Juli gilt das Recht auf gewaltfreie Erziehung neu ausdrücklich im Gesetz. Was bedeutet das für Sie?
Anna Mähr: Für uns ist das enorm wichtig. Es wird von offizieller Stelle bestätigt, dass Gewalt ganz viel kaputtmacht. Kinder werden in ihrer Entwicklung massiv beeinträchtigt und es entsteht grosses Leid. Eine Ohrfeige kann nie gesund sein. Dass nun auf gesetzlicher Ebene reagiert wurde, ist höchste Zeit und ein wichtiger Schritt in Richtung Gewaltfreiheit.
Wie haben Sie die Debatte zum neuen Gesetz wahrgenommen?
Natürlich gibt es Stimmen, die finden, der Staat solle sich nicht ins Familienleben einmischen. Wir sehen die Diskussion aber vor allem positiv. Als Gesellschaft haben wir die Verantwortung, die Schwächsten zu schützen. Und es ist wichtig, dass wieder darüber gesprochen wird, was Kinder tatsächlich brauchen. Es gibt sehr viele Studien und Belege dafür, dass jede Art von Gewalt schadet.
Die Fallzahlen am Kinderschutzzentrum St. Gallen sind seit Corona gestiegen. Wo sehen Sie die Gründe?
Die Zahlen sprechen für mehr Sichtbarkeit und mehr Sensibilisierung – nicht unbedingt für mehr Gewalt. Die Kinder, die bei uns landen, sind nur ein kleiner Teil der Betroffenen.
Gewalt wird häufig nicht aus Überzeugung ausgeübt, sondern aus purer Überforderung.
Wenn Kinder und Jugendliche befragt werden, geben 44 Prozent an, bereits leichte oder schwere Gewalt durch ihre Eltern erlebt zu haben.
Wer sucht bei Ihnen Unterstützung?
Es melden sich Eltern, die merken, dass eine Situation völlig eskaliert ist und nie wieder passieren darf. Das sind extrem mutige Menschen. Sie merken: So, wie ich mich jetzt verhalte, bin ich eigentlich gar nicht. Und sie schaffen es, sich Unterstützung zu holen.
Was setzt Eltern heute besonders unter Druck?
Der Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub ist extrem kurz. Gleichzeitig sollen Familie und Beruf möglichst rasch funktionieren. Dazu kommen finanzielle Sorgen und die Frage, wie alles organisiert werden soll. Ein Blick ins Ausland zeigt: In Österreich können Eltern bis zu zwei Jahre zu Hause bleiben und müssen sich keine Sorgen machen, ob ihr Job danach noch da ist. Das würde Familien enorm entlasten.
Wir sind noch weit entfernt von einer gewaltfreien Gesellschaft und einer gewaltfreien Erziehung.
Wir sehen, wie sehr Familien unter Druck sind. Gewalt wird häufig nicht aus Überzeugung ausgeübt, sondern aus purer Überforderung. Die allermeisten Eltern haben heute ein Verständnis dafür, dass Gewalt nichts Gutes ist.
Sind wir noch weit von einer gewaltfreien Erziehung entfernt?
Wir sind noch weit entfernt von einer gewaltfreien Gesellschaft und einer gewaltfreien Erziehung. Trotzdem habe ich Hoffnung. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Vor fünfzig oder hundert Jahren waren viele Eltern überzeugt, dass Gewalt Kindern guttut. Heute ist das anders. Das gesellschaftliche Umdenken hat bereits begonnen. Etwas ernüchternd ist allerdings, dass der Bund mit der Gesetzesänderung keine zusätzlichen Mittel gesprochen hat. Damit fehlt ein Teil der Grundlage, um diesen Wandel aktiv zu beschleunigen.
Das Gespräch führte Selina Etter.