Die Ergebnisse eines Untersuchungsberichts belegen ein dramatisches Ausmass: Am Universitätsspital Zürich ist es in der Herzchirurgie zwischen 2016 und 2020 zu schweren Verfehlungen und unerwarteten Todesfällen gekommen.
Aufsehenerregend ist im Bericht die Übersterblichkeit im untersuchten Zeitraum. Statistischen Berechnungen zufolge war die Sterberate auf Basis von 4500 Operationen im Vergleich mit anderen Universitätsspitälern um bis zu 74 Fälle höher.
Über 300 Todesfälle während der Amtszeit von Klinikleiter Francesco Maisano wurden zudem genauer untersucht. Gemäss Analyse kam es dabei zu 75 chirurgisch problematischen Eingriffen, zu 64 «eher nicht zu erwartenden» Todesfällen und zu 11 «nicht zu erwartenden» Todesfällen.
Zudem kam in 13 Fällen ein Medizinprodukt unangemessen zum Einsatz, insbesondere das von Maisano mitentwickelte Cardioband. Diese Vorfälle – die besonders auffälligen Todesfälle sowie der unangemessene Einsatz des Cardiobands, hat das USZ der Staatsanwaltschaft gemeldet. Die Ermittler sollen prüfen, ob strafrechtlich relevante Verfehlungen vorliegen.
Führungs- und Systemversagen am Universitätsspital
Die Ursachen für die Verfehlungen ortet der Bericht in mehreren Bereichen. So sei Francesco Maisano 2014 überhastet und ohne ausreichende Prüfung seiner Qualifikationen und Interessenskonflikte zum Klinikchef ernannt worden. Zudem habe die damalige Spitaldirektion ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt und Warnsignale zu spät erkannt.
«Die Ergebnisse haben uns tief betroffen gemacht», sagte André Zemp, Spitalratspräsident am Universitätsspital Zürich, an der heutigen Medienorientierung. Das Spital bat die Betroffenen und ihre Angehörigen um Entschuldigung und richtete eine spezielle Beratungsstelle ein.
Rücktritte am Universitätsspital Zürich
Der Untersuchungsbericht hat zur Folge, dass drei Mitglieder des Spitalrats zurücktreten. Sie wollen so einen personellen Neuanfang ermöglichen.
Inzwischen habe die Klinik für Herzchirurgie unter neuer Leitung hohe Qualitätsstandards zurückgewonnen. Die Sterblichkeitsrate bewege sich wieder im unauffälligen Bereich. Verhindert werden sollen ähnliche Vorfälle künftig unter anderem mit einem Register für Interessenbindungen und einem geplanten Meldesystem für Missstände.
Francesco Maisona, der das Zentrum für Herzchirurgie leitete, verliess das Universitätsspital Zürich 2021 und kehrte nach Mailand zurück, wo er auch heute noch als Herzchirurg arbeitet.