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Notstand in der Kindermedizin Kinderärzte-Mangel: Wenn ein Landarzt nicht in Pension gehen kann

Der Schweiz fehlen Hunderte Kinderärzte. In Willisau betreut Dr. Shalati 3000 Kinder und findet keinen Nachfolger.

Er ist 77 Jahre alt und steht noch immer in der Praxis: Mohamed Nazir Shalati. Der Kinderarzt aus Willisau behandelt täglich Dutzende Kinder.

Eigentlich möchte Shalati in Pension gehen, doch er kann nicht. «Ich bin der einzige Kinderarzt hier.» Wenn er die Praxis schliesse, seien viele Kinder ohne Betreuung. «Das tut mir weh.»

Seit 16 Jahren führt er die Praxis, zuvor hatte er eine in Deutschland. Shalati betreut über 3000 Kinder und Jugendliche – empfohlen werden laut Ärzteverband FMH rund 1000.

Die Suche nach einem Kinderarzt ist für viele Familien schwierig. Eine Mutter aus der Region berichtet, sie habe mehrere Orte im Kanton abgeklappert. «Es dauerte fast dreiviertel Jahr, bis wir einen Kinderarzt gefunden haben.» Laut Bundesamt für Gesundheit haben über 10 Prozent der Kinderarztpraxen einen Patientenstopp.

Eine Studie der Universität Zürich und des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums zeigt zudem: Weite Teile der Schweiz sind unterversorgt, besonders ländliche Regionen.

Zu wenig Nachwuchs, um Lücken zu schliessen

Die Situation dürfte sich verschärfen. In den nächsten zehn Jahren gehen gemäss Berufsverband Kinderärzte Schweiz rund 40 Prozent der Kinderärzte in Pension. Nachfolger zu finden, ist schwierig.

Kinderarzt Shalati sucht seit zwei Jahren – bisher ohne Erfolg: «Ich habe auch in Deutschland und Österreich gesucht und oft inseriert.»

Seine Frau Hanaa Shalati koordiniert die Suche. Rückmeldungen gebe es kaum: «Viele junge Ärztinnen und Ärzte wollen heute nicht mehr die Verantwortung für eine eigene Praxis übernehmen und lieber 40 oder 50 Prozent arbeiten.» Ein pensionierter Vollzeit-Pädiater muss darum oft durch mehrere Nachfolger ersetzt werden.

Hinzu kommt: Die Schweiz ist bereits heute auf Ärzte aus dem Ausland angewiesen, doch gerade in der Kindermedizin kommen laut FMH zu wenige nach. Gleichzeitig werden hierzulande zu wenig Mediziner ausgebildet.

Die Pädiatrie gehört zwar statistisch zu den beliebtesten Fachrichtungen, doch der Nachwuchs reicht nicht aus, um die Lücken zu schliessen. Mehrere Kantone planen deshalb zusätzliche Medizinstudienplätze.

Viel Verantwortung, relativ wenig Lohn

«Ja, das machst du gut.» Shalati beruhigt ein schreiendes Baby.

«Man muss die Pädiatrie lieben und nicht an das Geld denken», sagt er. Reich werde man als Kinderarzt nicht, gleichzeitig sei die Verantwortung gross.

Pädiater verdienen im Vergleich zu chirurgischen Fachrichtungen deutlich weniger. Der neue Arzttarif Tardoc, der seit Anfang des Jahres gilt, soll die Grundversorgung – und damit auch Kinderärzte – finanziell künftig aber besserstellen.

Auch nimmt der administrative Aufwand im Praxisalltag zu: Krankenkassen verlangten immer detailliertere Berichte, sagt Daniela Schaller, Arzthelferin von Mohamed Shalati.

Der Landarzt findet, er brauche heute länger für die Dokumentation. «Sehen Sie, ich stehe hier fünf Minuten, um all die Ziffern zu schreiben», sagt er. Zeit, die ihm für die Kinder fehle.

Der 77-Jährige will noch etwa ein Jahr weitermachen und hofft, bis dahin eine Nachfolge zu finden. Viele Familien hoffen darauf. «Der Hauptgrund, weshalb wir nicht wegziehen, ist, dass Dr. Shalati hier ist», sagt eine Mutter.

Rundschau, 29.04.2026, 20:10 Uhr; noes

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