Die Stadt Chur hat ein Problem mit ihrer offenen Drogenszene. Sie soll eine der grössten der Schweiz sein. Verwertbare Zahlen dazu gibt es nicht. Für die Stadt besteht trotzdem Handlungsbedarf.
Die Stadtoberen möchten erreichen, dass es keine offene Drogenszene mehr im Park Stadtgarten gibt, dem Treffpunkt der Abhängigen. Bis zu 50 Personen halten sich dort auf. Konsum und Kleinhandel sind allgegenwärtig. Ein neues Angebot soll Abhilfe schaffen: ein begleiteter Konsumraum am Rande der Altstadt.
Das ist der neue Churer Konsumraum
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Bild 1 von 4. Um den Standort wurde lange gerungen. 25 mögliche standen zur Auswahl. Schliesslich entschied man sich für die Räumlichkeiten einer ehemaligen Bowling-Halle. Bildquelle: Keystone/Gian Ehrenzeller.
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Bild 2 von 4. Im Innern gibt es verschiedene Räume. Abhängig von der Art und Weise, wie die Drogen konsumiert werden. Im Inhalationsraum können Drogen wie beispielsweise Crack geraucht werden. Bildquelle: Keystone/Gian Ehrenzeller.
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Bild 3 von 4. Der Injektionsraum biete eine saubere Umgebung, um Drogen zu spritzen. Es ist Personal vor Ort, das im Notfall eingreifen könnte. Bildquelle: Keystone/Gian Ehrenzeller.
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Bild 4 von 4. Unter dem gleichen Dach sind auch Anlaufstelle und Gassenküche untergebracht. Auch Ruheräume, Duschen und eine Waschküche sind Teil des Angebots. Bildquelle: Keystone/Gian Ehrenzeller.
Der Weg zum Konsumraum war steinig und führte zu viel Streit. Zunächst über die Notwendigkeit des Angebots, danach über den geeigneten Standort. Anwohnerinnen und Anwohner wehrten sich, weil sie den Konsumraum nicht in ihrer Nachbarschaft wollten.
Ende März startet nun das Pilotprojekt. Es ist auf drei Jahre ausgelegt. Das Churer Stimmvolk bewilligte hierfür einen Rahmenkredit von fast vier Millionen Franken.
Neue Drogen, mehr Probleme
Das Ansinnen geht auf einen politischen Vorstoss aus den Reihen der SP zurück. 2018 wurde im Kantonsparlament die Schaffung eines Konsumraums erstmals angeregt. Seither hat sich das Problem akzentuiert. Neue, kokainbasierte Drogen sind aufgekommen. Sie machen aggressiver.
Dass sich die offene Drogenszene in Chur in den letzten Jahren gewandelt hat, beobachtet auch Werner Erb. Der Sozialpädagoge ist seit 13 Jahren wöchentlich im Stadtgarten anzutreffen. Er redet mit den Betroffenen, bietet ihnen Kaffee und Esswaren an. «Es gibt sehr viel mehr Unruhe und Geschrei, seit Kokain im Spiel ist.» Auch die Beschaffungskriminalität habe zugenommen. Für Werner Erb ist es höchste Zeit, dass Chur einen Konsumraum erhält.
Ob die Betroffenen die neue Einrichtung auch tatsächlich nutzen und aus dem Stadtgarten verschwinden, ist für Erb schwer abzuschätzen. «Diese Menschen brauchen ruhige Orte und sie wollen nicht von der Polizei gefilzt werden.» Gehe die Polizei zu repressiv gegen sie vor, würde sich die Szene einfach auf andere Orte in der Stadt verteilen.
Sascha Berger ist täglich im Park anzutreffen. Er fühlt sich wohl hier. Berger konsumiert seit 30 Jahren verschiedene Drogen. Er werde sich das Angebot sicher einmal anschauen. Ob es bei den Suchtkranken auf Zustimmung stossen wird, weiss er nicht. «Wir Bündner sind stieri Siache», meint er lachend.
Stadtgarten soll wieder für alle offen sein
Die Stadt Chur verfolge mit dem neuen Konsumraum im Wesentlichen zwei Ziele, so der zuständige Stadtrat Patrik Degiacomi: eine Stabilisierung bei den Betroffenen und mehr Ordnung und Sicherheit im öffentlichen Raum. Konsum und Kleinhandel sollen deshalb nicht mehr im Park, sondern in den neuen Räumlichkeiten und unter Aufsicht stattfinden.
«Wir sind uns im Klaren, dass sich das Angebot zuerst einspielen muss. Wir gehen nicht mit dem Vorschlaghammer vor», so Degiacomi. Die Suchtkranken sollen in einer ersten Phase Zeit erhalten, die Einrichtung kennenzulernen und auszuprobieren.
Erst nach und nach will die Stadt zusammen mit der Polizei die Schraube anziehen, um die offene Drogenszene im Stadtgarten zu unterbinden. Langfristig soll dieser wieder für eine breite Öffentlichkeit zugänglich sein.