Keine Armut, gute Bildung, Klimaschutz, Frieden, … – 17 sogenannte Nachhaltigkeitsziele hat sich die UNO bis 2030 gesteckt. An der Ausgestaltung hat sich auch die Schweiz massgeblich beteiligt. Doch kürzlich hat der Bundesrat die Bedeutung dieser Ziele heruntergestuft. War bisher von einer Agenda für umfassende Veränderungen die Rede, spricht der Bund nun nur noch von «einem pragmatischen Referenzrahmen».
Das genüge nicht, schreiben 100 Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft in einem offenen Brief. Sie fordern die Politik auf, ihre Führungsverantwortung wahrzunehmen.
Die Ziele sind Teil einer Transformationsagenda, nicht eines Referenzrahmens, also einer Agenda für die Menschen, nach der sie handeln sollen.
Carole Küng, Co-Direktorin des Schweizer Netzwerks für Nachhaltigkeitslösungen (SDSN), weist darauf hin, dass die Schweiz die Nachhaltigkeitsziele (SDG) aktiv mitentwickelt hat. Das SDSN setzt sich für deren Umsetzung ein. Küng betont: «Die Ziele sind Teil einer Transformationsagenda, nicht eines Referenzrahmens, also einer Agenda für die Menschen, nach der sie handeln sollen.»
Unterdessen seien die SDG auch in der Wirtschaft sehr stark verankert. 85 Prozent der grössten Schweizer Unternehmen weisen ihre Fort- und Rückschritte in Bezug auf die Ziele regelmässig aus. «Diese Unternehmen brauchen jetzt Rückendeckung», fordert Küng.
Für viele Firmen ist Verbindlichkeit vonseiten der Politik wichtig.
Tatsächlich haben Dutzende Vertreterinnen und Vertreter aus der Wirtschaft den offenen Brief unterschrieben. Darunter auch der Direktor des UN Global Compact für die Schweiz und Liechtenstein, Antonio Hautle. Er fördert Nachhaltigkeitsbemühungen in der Wirtschaft. Zu den Mitgliedern seines Netzwerks gehören von ABB über Novartis bis UBS die meisten grossen und viele kleinere und mittlere Unternehmen.
Hautle betont: «Viele Firmen, vor allem die grossen Multis, haben sich an der Nachhaltigkeitsagenda orientiert und viele Massnahmen ergriffen, die sie Schritt für Schritt implementieren. Für sie ist Verbindlichkeit vonseiten der Politik wichtig.»
Hautle ist überzeugt: Wer bei den Nachhaltigkeitszielen nachlasse, gefährde den Wohlstand nicht nur in Ländern des globalen Südens, sondern auch in der Schweiz.
Wir müssen nicht die Welt retten, aber wir müssen wenigstens unseren Teil beitragen.
Auch in der Wissenschaft zeigt man sich besorgt. Forschende aus allen grösseren Hochschulen der Schweiz haben den offenen Brief unterzeichnet. Stellvertretend sagt Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich, die Schweiz sei bei verschiedenen Zielen, unter anderem beim Klima und Artenschutz, im Rückstand, und ergänzt: «Wir müssen nicht die Welt retten, aber wir müssen wenigstens unseren Teil beitragen.»
Die Möglichkeiten der Schweiz sollten zudem nicht unterschätzt werden. «Wenn wir über Dienstleistungen, Handel und den Finanzplatz nachdenken, dann hat die Schweiz ein riesiges Potenzial. Sie hat auch ein ureigenes Interesse. Nachhaltigkeit sorgt für resiliente Lieferketten, Innovation, Dienstleistungen.»
Im offenen Brief fordern die Unterzeichnenden, dass der Bund alle Nachhaltigkeitsziele mit Nachdruck verfolgt, auch wenn offensichtlich sei, dass viele bis 2030 nicht oder nicht vollumfänglich erreicht würden. Es sei sinnvoll, wenn der Bund wie angekündigt wirkungsvolle Massnahmen priorisiere. Sparen sei aber falsch. Denn Investitionen in Nachhaltigkeit lohnten sich langfristig.
Das Departement für Auswärtige Angelegenheiten, das beim Bund zuständig ist, und auch die ebenfalls angesprochene Konferenz der Kantonsregierungen wollten den offenen Brief auf Anfrage bisher nicht kommentieren.