Immer mehr junge Menschen mit einer psychischen Erkrankung beziehen eine IV-Rente. Viele fallen aus dem Arbeitsleben oder gelangen gar nicht erst hinein. Der Weg in die Berufswelt und damit in die Selbständigkeit ist oft beschwerlich. Wer ihn nicht schafft, steckt im schlimmsten Fall jahrelang in der IV-Rente fest. Lisa, die eine Rente hat, will das nicht.
Lisa wollte als Kind berühmt werden. Sie lacht. Immer wieder, während sie erzählt. Sie wollte Content-Creatorin sein. Doch diesen Traum habe sie nun abgelegt, sagt die junge Frau mit den roten Haaren. «Ich habe auch immer gerne gezeichnet», realistische Motive, Tiere, Hände, das könne sie gut. Gesichter weniger. Emotionen zu zeichnen sei schwierig.
Ich schloss mich ein, wollte mit anderen Menschen nichts zu tun haben.
Schwierig war Lisas Aufwachsen. Sie habe Dinge erlebt als Kind, die andere Kinder nicht erleben würden. Die Eltern trennen sich, da war Lisa noch klein. «Es ist sehr viel Gewalt passiert», viel Schlechtes, sagt sie.
Diagnose: Psychische Erkrankung
In der Schule habe sie den Anschluss nicht gefunden, anderen Menschen gegenüber sei sie nicht offen gewesen. «Ich hatte Angst wegen all dem, was ich zu Hause erlebt hatte.» Und sie habe auch Angst davor gehabt, dass man sie in der Schule mobbt oder schlägt. «Ich schloss mich ein, wollte mit anderen Menschen nichts tun und nichts zu tun haben.» Dann schweigt Lisa. Mehr will sie nicht erzählen.
Als Zwölfjährige kommt sie in ein Heim. Lisa seufzt, denkt kurz nach. Sie soll sich als Kind beschreiben. «Traurig, einsam, alleingelassen», drei Worte genügen. Bei der jungen Frau wird eine psychische Erkrankung diagnostiziert: «Borderline, Persönlichkeitsstörung, mittelschwere Depression», so fasst Lisa ihr Krankheitsbild zusammen. ADHS auch, aber das empfinde sie nicht so sehr und heute sei sie auch nicht mehr depressiv. «Oder nicht mehr so sehr.»
Mit ihrer psychischen Erkrankung sei man schlecht umgegangen. Sie habe gelernt, dass es Menschen gebe, die damit nicht klarkämen. «Du bist falsch in dieser Gesellschaft», habe sie hören müssen. Und sie musste lernen, stärker als jene zu sein. «Und wenn ich mich heute anschaue, dann bin ich stärker», sagt Lisa mit Nachdruck.
Lisa hilft, dass sie von zu Hause wegkommt. Weg von der Gewalt. Ihr hilft, dass ihr Menschen den Mut geben, zu wachsen, weiterzuleben und das Leben auch zu geniessen. Mit 18 Jahren beginnt Lisa den Vorkurs bei der Hochschule für Künste. «Dort durfte ich zeichnen.» Jetzt ist sie in der Berufslehre zur «Interaktiven Mediendesignerin» bei einer Institution, die sie auf dem Weg in die Arbeitswelt begleitet.
«Ich möchte an die Pädagogische Hochschule und Kunsttherapeutin werden», das ist die Zukunft, wie sie sich Lisa vorstellt. Das sei realistisch, sagt sie überzeugt. Lisa spürt, dass ihr die Welt nach einem schwierigen Start offensteht. «Ich bin mit sehr viel Lebensfreude unterwegs», sagt sie und lacht. Sich beklagen über ihr Leben, das würde sie nicht.