Ein Pfiff, ein Anlauf, ein Schuss – und enormer Druck. Sportpsychologe Alain Meyer betreute bereits Spieler und Spielerinnen der Fussballnationalmannschaften. Er erklärt, was hilft, um am Elfmeterpunkt erfolgreich zu sein.
SRF: Wie viel ist beim Penaltyschiessen Kopf und wie viel ist fussballerisches Können?
Alain Meyer: Ich glaube, dass diese Situation extrem Kopfsache ist. Fussballerisch können es auf diesem Level alle. Aber der Kopf entscheidet, ob der Fuss richtig funktioniert. Und der funktioniert eigentlich immer, wenn man bei sich und im Moment ist. Was man häufig sieht – und was ich auch coache –, sind Techniken: Körpersprache, Atmung, Visualisierung, inneres Selbstgespräch.
Warum ist es aus psychologischer Sicht derart schwierig?
Weil plötzlich Druck da ist, macht man aus der Situation eine Bedrohung und das Hirn macht daraus ein Katastrophenszenario: «Was, wenn ich verschiesse?» Und genau dann werden die Gedanken zu Emotionen, man verkrampft und hat vielleicht Angst. Wichtig ist, dass der Spieler versteht, was passiert. In der Psychologie sprechen wir vom «Reframing» – also etwas in einen anderen Rahmen setzen.
Drucksituationen kann man sehr gut trainieren – wie Ausdauer oder Schnelligkeit.
Er soll sich sagen: «Ich freue mich darauf, es ist eine Herausforderung, ich kann das.» Je mehr das trainiert wird und je klarer dieses Verhalten im Kopf ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man genau in dieser Drucksituation das geübte Verhalten an den Tag legt.
Gibt es geborene Penaltyschützen?
Ich glaube, dass es Spieler gibt, die einfach spielen und nicht viel nachdenken. Das kann schon angeboren sein. Ich wehre mich aber dagegen, wenn man sagt: «Der ist gemacht dafür und der nicht.» Drucksituationen kann man sehr gut trainieren – wie Ausdauer oder Schnelligkeit. Ich beobachte jedoch schon, dass einige da mehr investieren müssen als andere.
Manuel Akanji hat gestern seinen Penalty verschossen – wie früher bereits gegen England und Spanien. Danach sagte er, dass Elfmeter nicht seine Stärke sind und er es in Zukunft sein lassen will. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?
Das passt zu ihm – er ist extrem klar und bei sich, so kenne ich ihn. Ich bin überzeugt, dass er mental sehr stark ist. Sonst wäre er nicht dort, wo er heute steht. Dass er nach dem Match sagt, keine Penaltys mehr schiessen zu wollen, ist nachvollziehbar und es spricht auch für ihn. Gleichzeitig glaube ich aber, dass er in Zukunft wieder antreten wird.
Wie baut man einen Spieler wieder auf, nachdem er einen Elfmeter verschossen hat?
Als Trainer ist es wichtig, solchen Spielern zurückzumelden, was sie während des ganzen Spiels gut gemacht haben. Und, dass der Spitzensport von Fehlern lebt. Ich denke, Manuel Akanji ist so weit, dass er nicht aufgebaut werden muss. Er weiss, wo seine Qualitäten liegen.
Bewusst durchatmen, ein Lächeln aufsetzen, sich auf die Herausforderung freuen und sich bewusst machen: Ich kann das!
Wie ist die Penaltysituation für die Goalies?
Als Goalie kann man fast nur gewinnen. Die Erwartungshaltung des Publikums ist: Der Penaltyschütze muss treffen und der Goalie darf ihn halten. Sie können weniger Fehler machen und sind deshalb weniger unter Druck.
Von den Profis zu den Hobbyfussballerinnen und Hobbyfussballern: Was raten Sie ihnen?
Es ist spannend, weil es vom Kopf her eigentlich keinen Unterschied macht. Es ist genauso eine Situationsbewertung. Entweder sage ich mir: «Ich kann das, ich freue mich darauf», oder ich sage mir: «Schon letztes Mal habe ich verschossen.» Ich würde Breitensportlern das Gleiche empfehlen wie einem Profi: durchatmen, ein Lächeln aufsetzen, sich auf die Herausforderung freuen und sich bewusst machen: «Ich kann das!»
Das Gespräch führte Dominik Brand.