Wahrscheinlich sind sie auch schon in einem gefahren. In einem EW4-Waggon – einem der einstöckigen Zug-Waggons, die von der SBB nun nach und nach ausgemustert werden. Seit den 80er-Jahren sind diese Personenwagen in Betrieb. Als erstes SBB-Transportmittel waren sie mit Klimaanlagen ausgerüstet.
Damals waren sie bei den ÖV-Passagieren entsprechend beliebt. Doch mittlerweile sind sie in die Jahre gekommen und entsprechen den modernen Anforderungen nicht mehr.
Ein Beispiel für die Kreislaufwirtschaft
Also ab auf den Schrottplatz mit den alten Waggons? Weit gefehlt! Die SBB recyceln die Materialien aus den alten Zügen, damit sie wiederverwendet werden können – im Sinne der Kreislaufwirtschaft und zur Reduktion von CO₂-Emissionen.
In den Werkstätten in Olten wird alles noch wiederverwertbare Material aus den Waggons entfernt. Der SBB-Mitarbeiter Ali Ökmen nimmt sich gerade ein Fenster vor. «Als Erstes entfernen wir die Gummidichtungen und dann kommt schon die Scheibe dran.»
Die Handgriffe sitzen, es geht erstaunlich schnell, und schon haben die Experten mithilfe von Saugnäpfen die 36 Kilo schweren Fenster aus ihren Fugen entfernt.
Aus dem Zug in eine Fassade in Zürich
Verantwortlich für die Stilllegung der Waggons und die Materialrückgewinnung ist Damian Baker. Er analysiert die Qualität der Fenster. Zerkratzte oder beschlagene Fenster werden aussortiert. «Zudem messen wir die Gasmenge zwischen den Fensterscheiben. So können wir feststellen, ob noch genügend isolierendes Argon vorhanden ist.»
Dies gebe dann Aufschluss darüber, ob das Fenster noch wärmedämmend sei oder nicht. Wenn die Fenster noch in Ordnung sind, dann werden sie auf eine Baustelle nach Zürich gebracht. «Über tausend Fenster werden in einem Neubau der SBB als Fassadenfenster verwendet», sagt Baker.
Für die SBB ist dies ein Beispiel für gelebte Kreislaufwirtschaft. «Die Wiederverwendung von Materialien ist zwar anspruchsvoll, aber die Neuproduktion ist es ebenfalls», sagt Baker. Dadurch, dass man Fenstern ein zweites Leben schenken könne, trage die SBB auch zur Reduktion von CO₂-Emissionen bei, heisst es bei den Bundesbahnen.
Ein 1.-Klasse-Sessel für zu Hause
Nicht nur die Fenster sollen weiter gebraucht werden. Auch die Sitze aus der ersten Klasse sollen nach ihren vielen Dienstjahren nicht einfach auf dem Scheiterhaufen enden. «Diese Sitze sind sehr beliebt», sagt Baker. «Viele Menschen finden sie bequem und kaufen sie für ihr Zuhause.»
Geplant ist ausserdem, die Deckenlampeneinfassungen aus den Zügen zu Stehlampen umzubauen und in einer limitierten Auflage zu verkaufen. Doch das meiste Gewicht der Wagen steckt nicht in ihren Innenräumen, sondern im Fahrgestell, den Rädern oder im Chassis. Das ganze Metall wird eingeschmolzen und auch wiederverwendet.
Zu wenig Kapazität, zu wenig behindertengerecht
Einst waren 540 EW4-Waggons in Betrieb. Derzeit sind noch 270 übrig, sie alle sollen bis zum Jahr 2039 ausgemustert werden. Speziell den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung würden die teils über 40-jährigen Karossen nicht mehr genügen, erklärt Baker.
Ausserdem setze die SBB vermehrt auf Doppelstöcker. Diese verfügen logischerweise über grössere Kapazitäten. Doch ganz verschwinden werden die alten Wagen doch nicht. Dank Recycling «leben» sie weiter.