Idylle pur: Wer durch Wimmis spaziert, sieht zurechtgemachte Holzhäuser und herausgeputzte Gärten. Hoch darüber ragt der Bilderbuchberg Niesen in die Luft. Etwas abseits, an der Grenze zu Spiez, ist die Firma Nitrochemie zuhause. Auf einem Areal, das 65 Hektaren misst, und mit Videokameras, hohen Zäunen und Schleusen gesichert ist.
Denn auf diesem Gelände wird Schiesspulver hergestellt. Die Massnahmen zum Schutz und zur Sicherheit braucht es in doppelter Hinsicht: einerseits, damit das Pulver bei der Produktion keine Explosion auslöst. Andererseits, um die Produktion vor Spionage und Sabotage zu schützen.
Aus Baumwolle entsteht Schiesspulver
In einem Lagerhaus, das aussieht wie eine Scheune, wird der Rohstoff für das Schiesspulver gelagert: Baumwolle aus China und Amerika. «Die langen Fasern der Baumwolle werden von der Textilindustrie verwendet, wir brauchen die kurzen Fasern», sagt Produktionsleiter Nicolas auf der Maur.
Nach dem Bleichen und Kochen der Fasern gebe es daraus «eine sehr reine Form der Cellulose», so der Produktionsleiter. Diese werde anschliessend mit verschiedenen Säuren gemischt und gemahlen. Daraus entstehe Nitrocellulose – eine weisse Masse in einem grossen Tank.
Nitrocellulose ist der Grundstoff, aus dem Schiesspulver entsteht. Damit sie nicht spontan explodiert, wird sie mit Wasser angefeuchtet. In einem anderen Gebäude, fünf Fussminuten entfernt, wird die Nitrocellulose weiterverarbeitet.
Explosionsgefahr erfordert Sicherheitsmassnahmen
«Die Produktionshallen stehen extra weit auseinander, damit sich eine Explosion nicht auf andere Gebäude auswirkt», erklärt Nicolas auf der Maur von Nitrochemie. Dazwischen stehen zum Schutz Bäume.
Um vom einen zum anderen Gebäude zu gelangen, stehen Velos und gar Autos parat, die nur für dieses Areal zugelassen sind. Die Mitarbeitenden selbst tragen antistatische Kleidung, damit keine elektrischen Funken entstehen, die das Schiesspulver entzünden könnten.
Zurück zum Herstellungsprozess, den man sich in der Folge wie die Zubereitung von Spaghetti vorstellen kann: Die Nitrocellulose wird mit anderen Stoffen zu einem Teig geknetet. Dieser wird mit einer Presse zu langen Fäden gepresst – wie Spaghetti eben.
Am Schluss werden diese Fäden getrocknet, in kleine Stücke geschnitten und von einer Schutzhülle umgeben. Fertig ist das Schiesspulver, das in verschiedenen Kalibern, für Gewehre bis Panzer, zum Einsatz kommt.
Produktion wird ausgebaut
Das Geschäft läuft gut. Weltweit stehen die Zeichen auf Aufrüstung. Die Auftragsbücher der Nitrochemie sind voll. «Die Nachfrage ist höher als unsere Produktionskapazität», sagt Geschäftsführer Pascal Schreyer. Deshalb plant die Firma bis Mitte 2027 einen Ausbau.
Wenig Verständnis für diesen Ausbau hat Laurent Götschel, Direktor der Stiftung Swisspeace. Auch weil rund 80 Prozent des Schiesspulvers für das Ausland produziert werden. Er sieht Exporte kritisch, auch wenn Schweizer Firmen grundsätzlich keine Kriegsparteien beliefern dürfen: «Man kann nie sicher sein, wo Schweizer Kriegsmaterial schlussendlich landet», sagt Götschel.
Bremsen wird diese Kritik die Ausbaupläne nicht. Die Politik hat bereits entschieden, Bund, Kanton und Gemeinde unterstützen das Projekt. So, dass Nitrochemie ihre Produktionskapazität in der Idylle von Wimmis verdoppeln kann.