Auf einem Baggerhügel gegenüber der ehemaligen Ölraffinerie sitzt das halbe Unterwalliser Dorf Collombey-Muraz beisammen. Die Stimmung ist aufgeräumt und heiter. Die Leute fixieren die Kamine, die einst zur Raffinerie gehörten.
Die 100 Meter hohen Backsteintürme sind die allerletzten Überbleibsel von jener Produktionsstätte, die von 1963 bis 2015 Rohöl zu Benzin und anderen Petro-Produkten veredelte. Bürogebäude, Ölbecken und Stahlröhren: Alles ist verschwunden. Was andere Raffinieren im Ausland brauchen konnten, hat Tamoil, die letzte Betreiberfirma, zu günstigen Preisen verkauft. Den Rest hat sie rezyklieren lassen. Nur die Kamine blieben stehen – vorerst.
Tamoil hatte die Raffinerie 2015 schliessen lassen. Sie sei im europäischen Vergleich zu klein und im Betrieb darum zu teuer, wurde der Schliessentscheid begründet. Auf die damaligen Argumente will Stephan Trachsler nicht mehr eingehen. Man habe damals so entschieden und das sei gut so, sagt er. Aber er kann nicht kaschieren, dass ihm die Schliessung bis heute nahegeht. Heute ist Tamoil bereit, seinen Teil zu einer zukunftsfähigen Lösung beizutragen (siehe Box).
Über den Köpfen der Leute auf dem Baggerhügel kreist eine Drohne. Sie stösst Raubvogelpfiffe aus. Sie wirken. Die wenigen Vögel, die über dem Gelände kreisen, verschwinden nach und nach. Die Stimmung ist angespannt. Für die Leute ist die Sprengung der über 60 Jahre alten Raffineriekamine ein historisches Ereignis. Nur die älteren Einwohnerinnen und Einwohner haben die Landschaft einmal ohne Türme gesehen, aber auch sie können sich, wenn überhaupt, nur vage an die Zeit vor der Raffinerie erinnern.
Nun geht es darum, keine Sekunde zu verpassen. Alle wissen, in einigen wenigen Sekunden liegen die Türme am Boden. Aber reichen die 50 Kilogramm Sprengstoff aus, um die insgesamt 4000 Tonnen schweren Kamine zum Einsturz zu bringen?
Explosionen und Druckwellen
Dann endlich knallt es. Auf einen ersten Knall folgen ein zweiter, ein dritter, ein vierter. Auf dem Baggerhügel spürt man die Druckwellen der Explosionen am eigenen Körper. Die Leute reagieren mit lauten «Ohs!».
Ohne Kamine ist die Landschaft schöner, trotzdem werden sie fehlen. Ich habe das Chablais ja nie ohne diese Kamine gesehen.
Und plötzlich bewegen sich die Kamine. Der erste fällt krachend seitwärts zu Boden, langsam, wie in Zeitlupe. Dann fällt der zweite, ebenfalls auf eine vorbereitete Fläche aus Kies. Der Kies soll dafür sorgen, dass nicht allzu viel Staub aufwirbelt. Auch Wasserdüsen binden Staub. Die Staubwolke ist trotzdem imposant. Die Schaulustigen auf dem Baggerberg haben Glück, dass der Wind heute nicht in ihre Richtung weht.
Das Bild der zusammenkrachenden Kamine weckt Emotionen. Ein Einwohner sagt: «Ohne Kamine ist die Landschaft schöner, trotzdem werden sie fehlen. Ich habe das Chablais ja nie ohne diese Kamine gesehen.» Diese seien wie zu einer Art Wahrzeichen geworden.
Auch eine ehemalige Raffineriemitarbeiterin bezeichnet die Sprengung als «einmaliges Erlebnis». Das Verschwinden der Türme sei für sie «das definitive Ende einer Ära», eine Art Zeitenwende. Die Aussicht sei zwar nun schöner, aber die Arbeitsplätze der Raffinerie würden fehlen.
Sieben Jahre lang hat sie hier gearbeitet. Die Raffinerie bezeichnet sie bis heute als «gute, sympathische Arbeitgeberin». Die Atmosphäre am Arbeitsplatz sei «wunderbar» gewesen.
Was tun auf den 150 Hektar Industriefläche?
Die grosse Frage, die ab sofort im Zentrum des öffentlichen Interesses steht, ist: Was wird aus der 150 Hektar grossen Fläche, auf der die Raffinerie stand? Dient sie weiter als Industrie- und Arbeitsort? Er wünsche sich Wohnungen, wenn auch nicht zu viele, und endlich etwas Sauberes in diesem Gebiet, sagt der Einwohner von Collombey-Muraz. Die ehemalige Raffineriemitarbeiterin hingegen wünscht, dass die 150 Hektar Land weiter der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Sie könne sich sogar vorstellen, eines Tages wieder hier zu arbeiten.
Mit der Sprengung der Kamine hat die Raffineriebetreiberin Tamoil die letzten Überreste ihres Betriebs beseitigt. Doch Probleme bleiben. Sie schlummern unter dem Boden. Das ganze Gebiet ist verschmutzt, der Boden von Giften durchsetzt. Eine Bodensanierung ist nötig und wird Tamoil, den Kanton Wallis und die Gemeinde Collombey-Muraz auf Jahre hinaus beschäftigen. Einiges habe man aber auch schon erledigt, sagt Jürg Hornisberger, ein früherer Direktor und heute Berater von Tamoil.
«Erdölablagerungen gab es sehr wenige im Boden», sagt Hornisberger. Die Beseitigung der Erdölspuren habe man rasch an die Hand genommen. Innerhalb von drei Jahren sei diese Sanierung abgeschlossen gewesen. Doch Probleme bereiten die Ewigkeitschemikalien PFAS im Boden. Die Tamoil-Betriebsfeuerwehr, aber auch Feuerwehren aus der ganzen Region versprühten die Chemikalien im Löschschaum auf dem Raffineriegelände. Sie versickerten im Boden und sind da immer noch.
Jürg Hornisberger betont, eine Lösung sei bereits gefunden worden. Auf dem ehemaligen Raffineriegelände seien Pumpen in den Boden gebaut worden. Diese befördern das Grundwasser nun an die Oberfläche. Dort wird es in Kohlefilter geleitet, gereinigt und der Rhone zugeführt.
Die PFAS-Konzentration sinkt.
Gemeindepräsident Olivier Turin (SP) ist mit dem Resultat in Anbetracht der Umstände zufrieden. Er sagt: «Die PFAS-Konzentration sinkt.» Man sei unter den angestrebten Normen. Die Gifte beunruhigten zwar noch immer, aber man bleibe optimistisch.
Boden ist verschmutzt
Klar ist aber: Es muss Boden abgetragen und gereinigt werden. Doch offen ist, wie tief gegraben werden kann und wer was bezahlt. Und auch die Korrektion der Rhone, die unmittelbar neben dem Industriegebiet durchfliesst, dürfte sich auf die Bodensanierung auswirken.
Tamoil signalisiert, nicht sie allein sei für die Verschmutzungen verantwortlich. Die Frage wird sein, ob auch der Kanton und die Gemeinden einen Teil der Sanierungskosten mittragen müssen. Gespräche und Verhandlungen dazu laufen.
Ebenso offen ist, was mit dem 150 Hektar grossen Industrieareal geschieht, von dem 18 Hektar der Gemeinde gehören.
Rund ein halbes Dutzend Unternehmen hätten sich bei Tamoil gemeldet, die das Industriegebiet übernehmen wollten, sagt Tamoil-Direktor Stephan Trachsler. Namen und Branchen will er keine nennen, aber klar scheint: Nur Grossbetriebe oder Konzerne interessieren sich für 150 Hektar grosse Industrieflächen.
Gemeindepräsident Turin signalisiert, es mache keinen Sinn, ein mit Chemikalien belastetes Gebiet zu veräussern. Erst müsse es saniert werden, und dann wolle es der Kanton und die Gemeinde auch besser ans ÖV-Netz anbinden, sei es ans Bus- oder Bahnnetz.
Klar ist: Von den Einwohnerinnen und Einwohnern auf dem Baggerhügel will niemand mehr eine Raffinerie in der Gegend. Und auch zur chemischen oder pharmazeutischen Industrie gehen die Leute auf Distanz, weil diese andernorts im Wallis für etliche Umweltschäden zumindest eine Mitverantwortung tragen.
Endlich eine saubere Industrie
Olivier Turin kann sich vorstellen, dass sich Start-ups und Spin-offs der ETH Lausanne in Collombey-Muraz ansiedeln. Auf jeden Fall möchte er Firmen in «seine» Gemeinde holen, die «neue, saubere und zukunftsgerichtete Technologien entwickeln», zum Beispiel für die Energiegewinnung.
Das Areal wird auch künftige Politikergenerationen beschäftigen.
Das brauche aber Zeit, viel Zeit. Turin rechnet mit «Jahrzehnten», bis das Industrieareal der ehemaligen Raffinerie fertig entwickelt sein wird. Das sei etwas, das selbst «künftige Politikergenerationen beschäftigen wird», sagt er. Die Walliser Kantonsregierung hat die 150 Hektar grosse Fläche erst einmal als «strategische Reserve von kantonaler Bedeutung für wirtschaftliche Aktivitäten» erklärt.
Aktuell scheint es nur eine Gewissheit zu geben: Neue Kamine werden auf dem ehemaligen Raffineriegelände in Collombey-Muraz keine mehr gebaut.