Eine fixe Sprechstunde hat Rahel Hubacher keine. Vielmehr kann ein Gespräch mit der Ensemblepsychologin des Zürcher Schauspielhauses auch einmal auf dem Weg von einer Probe zur nächsten stattfinden.
Denn Rahel Hubacher ist nicht nur ausgebildete Psychologin, sondern selbst auch Schauspielerin und Teil des Schauspielhaus-Ensembles. Diese Doppelrolle habe durchaus Vorteile: «Ich bin voll und ganz in diesen Theaterstrukturen involviert. Deshalb bin ich oft in Momenten da, in denen eine externe Psychologin nicht dabei wäre.»
Wichtig sei, vor den Gesprächen ihre Funktion zu klären: «Ich frage immer, ob ich als Kollegin angesprochen werde oder in meiner Zusatzrolle als Psychologin.» Auch der Schutz der Personen, die auf sie zukommen, sei zentral. Sie halte sich an die Schweigepflicht und vermittle Hilfe, wenn es um persönliche Probleme gehe. Dafür hat Rahel Hubacher ein Netzwerk aus Fachpersonen.
Rahel Hubachers Arbeit habe sich bisher bewährt, seit sie im Sommer diese Stelle am Schauspielhaus Zürich angetreten hat – als erste Ensemblepsychologin im deutschsprachigen Raum: «Ich kann Dinge abfangen, bevor sie zur Belastung werden.» Die Gespräche drehen sich um dieselben Themen, die auch sonst die Gesellschaft beschäftigen. Hinzu kommen die Strapazen, die der Theateralltag mit sich bringt.
Wenn es um längere Proben geht, kann man an die Grenzen der Belastbarkeit stossen.
Schauspielerinnen und Schauspieler müssten sich für ihren Job gut in andere hineinversetzen können, sagt Rahel Hubacher. Doch diese Stärke könne zum Nachteil werden. Etwa wenn die Ensemblemitglieder feststellen, dass etwas für den Theaterbetrieb gut ist, für sie selbst aber weniger: «Wenn es um längere Proben geht oder ums Einspringen für eine erkrankte Kollegin, kann man an die Grenzen der Belastbarkeit stossen.» Genau hier brauche es die Unterstützung der hauseigenen Psychologin.
Dichter Theateralltag als Herausforderung
Doch der dichte Theateralltag sei auch dem Pilotprojekt in die Quere gekommen, denn am Schauspielhaus Zürich werden meist mehrere Stücke gleichzeitig gespielt. Es habe sich als schwierig erwiesen, alle Beteiligten einer Produktion nach einer Dernière für ein Fazit an einen Tisch zu bekommen.
Oft seien die Schauspielerinnen, Assistenten, Regisseurinnen und Souffleure bereits wieder in die Proben eines anderen Stücks eingebunden. Es gelte auszuhalten, dass man Dinge stehen lassen müsse, sagt Rahel Hubacher: «Wir verbleiben an der Stelle, wo wir stehen, mit dem Wissen, dass wir in zwei Monaten wieder dort anknüpfen.»
So selbstverständlich wie Human Resources
Das Pilotprojekt der Ensemblepsychologin läuft weiter. Aktuell sammelt das Schauspielhaus Rückmeldungen. Es haben auch schon weitere Theater Interesse an diesem Modell gezeigt. Der Dialog mit anderen Häusern laufe, sagt Rahel Hubacher: «Ich freue mich darauf, wenn diese interne Anlaufstelle auch an anderen Orten fix zu den Betriebsstrukturen gehört – so wie dies heute bereits mit einer Human-Resources-Stelle gemacht wird.»