Bislang gibt es in der Schweiz nur sieben Plätze für Mädchen und junge Frauen, die akut von Gewalt bedroht sind – dies im Mädchenhaus Zürich. Doch: Der Bedarf ist weit grösser.
So zeigt eine Studie des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung von 2022, dass bis zu 40 zusätzliche Schutzplätze für Mädchen vonnöten wären. Ein neues Pilotprojekt soll helfen, diese Versorgungslücke zu schliessen.
Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren
Im Juni eröffnet die Opferhilfestelle «Solidarité femmes Biel und Region» in Biel ein zweisprachiges Mädchenhaus. Dieses wird sechs bis acht schutzbedürftigen Mädchen und jungen Frauen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren eine Unterkunft und Betreuung bieten. Die Adresse ist geheim. So bleibt es sicher.
Sozialpädagoginnen kümmern sich engmaschig um die Mädchen.
Das Mädchenhaus ist rund um die Uhr betreut. «Sozialpädagoginnen kümmern sich engmaschig um die Mädchen und helfen ihnen, mit traumatisierenden Situationen umzugehen», erklärt Manuela Schild, Geschäftsführerin von Solidarité femmes. Anders als im Frauenhaus gäbe es dort auch eine Tagesstruktur.
Projekt mit 15-jähriger Geschichte
Der Anstoss zum Mädchenhaus kam bereits 2011, vom Verein «MädchenHouse desFilles». 2018 führte dieser einen achtmonatigen Testbetrieb durch. Danach dauerte es aber nochmals acht Jahre bis zur definitiven Eröffnung.
«Wenn wir von Anfang an gewusst hätten, dass wir so viel Schnauf brauchen – ich weiss nicht, ob wir drangeblieben wären», sagt Melanie Hiltbrand, Co-Präsidentin des Vereins. Als Grund für die lange Dauer sieht sie die geringe Aufmerksamkeit, welche gewaltbetroffenen Mädchen zuteil wird. «Wir mussten diese Aufmerksamkeit überhaupt erst generieren.»
Dies ist dem Verein «MädchenHouse desFilles» gelungen – und doch wird nicht er selbst das Mädchenhaus betreiben. Denn: Die Bernische Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) hat das Mädchenhaus in ihrer Opferhilfe-Strategie dem Frauenhaus Biel angegliedert. Letzteres wird von der Opferhilfestelle «Solidarité femmes» betrieben – und darum betreibt diese künftig auch das Mädchenhaus.
Es ist eine Schutzunterkunft, keine Wohnung auf Zeit.
Maximal 21 Tage dürfen jungen Frauen im Mädchenhaus verweilen – das schreibt die GSI vor. «Es ist eine Schutzunterkunft, keine Wohnung auf Zeit», sagt GSI-Sprecher Gundekar Giebel, und fügt an: «21 Tage reichen, um weitere Schutz-Möglichkeiten abzuklären.»
1.5 Millionen jährlich vom Kanton
Aus Sicht der Betreiberinnen sind diese 21 Tage jedoch zu wenig: «Wir müssen zuerst ein Vertrauensverhältnis aufbauen, das braucht Zeit», sagt Manuela Schild von Solidarité femmes. Ausserdem müsse man «gangbare Anschlusslösungen» finden. Und diese Abklärungen dauerten oftmals länger als 21 Tage.
Der Hauptgrund sei aber die Sicherheit der Mädchen und jungen Frauen. «Wenn nach wie vor eine Gefährdung besteht, ist es wichtig, dass sie an einem sicheren Ort bleiben können», sagt Schild. Dessen sei sich auch das GSI bewusst, sagt Gundekar Giebel: «Der Schutz geht über alles. Wenn die Abklärungen noch nicht fertig sind, kann die Dauer verlängert werden.»
Der Kanton Bern hat den Betrieb vorerst als dreijähriges Pilotprojekt bewilligt und steuert 180'000 Franken für den Umbau und die Einrichtung des Hauses bei. Daneben bezahlt er jährlich 1.5 Millionen Franken für den Betrieb des Mädchenhauses.