Es war Anfang Jahr ein Schock für die Bewohnerinnen und Bewohner eines Aarauer Seniorenzentrums: Nach über 30 Jahren musste das Seniorenzentrum Walthersburg die Bilanz deponieren. Ende Januar wurde der Betrieb eingestellt. Der Konkurs macht den Bewohnenden zu schaffen, vor allem die dadurch entstandene Einsamkeit.
Nach 36 Jahren ist das Seniorenzentrum konkurs
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Bild 1 von 4. Das Seniorenzentrum Walthersburg Aarau wurde 1990 eröffnet. Bildquelle: SRF/Olivia Folly.
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Bild 2 von 4. Seit Ende Januar aber ist es konkurs. Die Betreibergesellschaft sagt, es habe nicht rentiert. Bildquelle: SRF/Olivia Folly.
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Bild 3 von 4. Aktuell sind nicht mehr alle Wohnungen vermietet. Es wohnen noch etwa 20 Personen hier. Bildquelle: SRF/Olivia Folly.
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Bild 4 von 4. Die Gebäude gehören zwar der Stadt Aarau, aber sie betreibt das Zentrum nicht. Hinter den Bäumen befindet sich das Restaurant, welches geschlossen ist. Bildquelle: SRF/Olivia Folly.
Die Alterswohnungen im beliebten Aarauer Wohnquartier Zelgli beherbergen Seniorinnen und Senioren, die noch relativ selbstständig leben können. Sie konnten jeweils Pflegeleistungen oder Reinigung dazubuchen. Das Restaurant der Residenz servierte täglich ein Menü.
Aber die Wohnungen waren in den letzten Jahren nicht alle vermietet; unterdessen wohnen noch etwa 20 Personen dort. Das sei nicht rentabel, sagte die Betreibergesellschaft. Deren Vorstand wollte sich gegenüber SRF nicht äussern.
Ein Erdbeben und fehlende Sozialkontakte
Für die Bewohnenden eine schwierige Situation. Sie habe zwar von den finanziellen Sorgen des Seniorenzentrums gewusst, aber mit einem Konkurs habe sie nicht gerechnet, sagt eine 93-jährige Bewohnerin. «Es ist ein Erdbeben. Das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen.» Immerhin wohnt sie schon seit 17 Jahren hier.
Wir Alten sind Konkursmasse, das ist verrückt.
Die Situation sei skurril: «Wir Alten sind Konkursmasse, das ist verrückt», meint die 93-Jährige. Im Gebäude nebenan ist das Restaurant untergebracht. Dort habe sie regelmässig zu Mittag gegessen und soziale Kontakte gepflegt. Aktuell sei das Seniorenzentrum wie ausgestorben.
Aktuell könne man zwar in ein Seniorenzentrum in der Nachbargemeinde Küttigen essen gehen. Auf Wunsch fährt ein Bus die Seniorinnen dorthin. Das Essen sei gut und man sei dort willkommen. Aber es sei ein Einschnitt im Tag, den es vorher so nicht gegeben habe, berichtet die Frau. «Auch im Alter hat man ein Programm. Es ist nicht so, dass man im Alter nur Daumen dreht.»
Die Bewohnenden können sich das Essen auch in ihre Wohnungen liefern lassen. Das löse aber das Problem nicht: «Dann sitzt man alleine in seiner Wohnung, ohne Kommunikation. Das wollte ich nicht», so die 93-Jährige.
Wir vermissen es, gemeinsam ein Käfeli zu trinken.
Die Einsamkeit sei tatsächlich ein Problem, bestätigt eine 94-jährige Bewohnerin: «Schade, fehlt das Restaurant. Wir vermissen es, am Tag Käfeli zu trinken.»
Mit dem Restaurant wurde auch der Aufenthaltsraum geschlossen. «Aktuell sieht man niemanden mehr», berichtet eine 90-jährige Bewohnerin der Walthersburg. Die Fahrt mit dem Bus ins Alterszentrum im Nachbardorf plus Mittagessen seien ihr zu teuer.
Zukunft des Treffpunkts ungewiss
Von einem Tag auf den anderen mussten die Bewohnenden sich umorganisieren: Wer sie pflegt, wer die Wohnung reinigt und wer sie verpflegt. Stress für die älteren Menschen, die hier ihren Lebensabend verbringen möchten.
Die Bewohnenden dürfen weiterhin in den Wohnungen bleiben. Die Stadt hat ihnen neue Verträge ausgestellt. Die Gebäude gehören der Stadt, betrieben wurde das Zentrum aber von einer Genossenschaft. Der Stadtrat möchte das Restaurantgebäude vermieten – möglichst an jemanden, der Restaurant und Aufenthaltsraum betreiben würde.
Allerdings sei es auch denkbar, dass das Restaurant an guter Lage in der Stadt Aarau einem Mehrfamilienhaus weicht, heisst es in einer Antwort des Stadtrats auf einen Vorstoss aus dem Stadtparlament.
Die befragten Bewohnerinnen und Bewohner im Seniorenzentrum brauchen also Geduld. Sie hoffen auf eine Lösung, damit ihr Alltag künftig wieder weniger einsam ist.