In den 1960er-Jahren stellte man in der Region Grenchen SO und dem Jurasüdfuss einen massiven Anstieg von Nierenerkankungen fest. Das war kein Zufall, sondern die Folge eines exzessiven Schmerzmittelkonsums – zahlreiche Uhrenarbeiterinnern und -arbeiter hatten täglich bis zu 30 Schmerztabletten zu sich genommen. Nur so war die eintönige, körperlich anspruchsvolle Arbeit machbar.
Das zeigt die Dauerausstellung des Kultur-Historischen Museums Grenchen widmet sich der boomenden Uhrenindustrie in Grenchen.
Neue Fabriken im Jurabogen
Seit den 1850er-Jahren entstand im Jurabogen, rund um Grenchen, einer der wichtigsten Zweige der Schweizer Uhrenindustrie. Die Fabriken und Arbeitersiedlungen verdrängten die Holzhäuser und Bauernhöfe im Dorf.
«Stattdessen prägten nun renommierte Fabriknamen wie ETA, ASSA, Baumgartner Frères und A. Michel S.A. das Stadtbild», erzählt Bettina Kurz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kultur-Historischen Museum Grenchen SO.
Monotone Arbeit
Die Arbeit der Uhrmacher war hart und oft eintönig, die Arbeitszeiten waren lang. «Eine einzelne Person bewältigte nur eine kleinste Operation in der Produktionskette, schliff zum Beispiel den ganzen Tag lang Schlitze in winzig kleine Schrauben», erklärt Kurz.
Der Lärm der Maschinen und das grelle Licht führten zu Augen- und Kopfschmerzen. Auch da halfen die Schmerzmittel den Angestellten, den Tag zu überstehen.
Oft wurde der Lohn in den 1950er-Jahren pro Anzahl gefertigter Stücke berechnet. Der Druck auf die Uhren-Fabrikarbeiter war somit gross.
Noch grösser war der Druck auf die Arbeiterinnen. Die Frauen durften um 11 Uhr die Fabrik verlassen, um einzukaufen und das Mittagessen für die Familie auf 12 Uhr bereitzustellen. Dann gings ohne Pause zurück in die Fabrik. «Oft erhielten sie nur die Hälfte des Lohnes eines qualifizierten Arbeiters», weiss Bettina Kurz.
Brötchen plus Schmerzmittel am Kiosk
Auf dem Weg zur Arbeit deckten sich Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter mit Brot, Zigaretten und Schmerzmittel ein. Diese waren damals am Kiosk oder an Automaten frei erhältlich.
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Bild 1 von 2. Kafa-Pulver gegen die Schmerzen. Ein Relikt aus früheren Zeiten. In den 50er-Jahren rührten Fabrikangestellte das Pulver in den Kaffee. Bildquelle: Museum Grenchen Inv.Nr. 5639 .
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Bild 2 von 2. Auch das Schmerzmittel Saridon war damals beliebt, hier in einer Blechdose um 1950/60 (Ausgrabungsobjekt). Unterdessen ist de Rezeptur von damals geändert worden. Bildquelle: Wikimedia Commons/126Edward.
Zu den beliebtesten Produkten gehörten die Saridon-Tabletten des Basler Herstellers Hoffmann-La Roche. Damals konnte man im Restaurant auch einen «Kafi mit» bestellen, und rührte das Pulver in den Kaffee. Oder die Tabletten landeten zerdrückt auf dem Frühstücksbrot.
«In diesem Teufelskreis gefangen, schluckten viele Arbeiterinnen und Arbeiter zwischen zehn und 30 Tabletten täglich», sagt Bettina Kurz vom Grenchner Museum.
Krankheitskosten explodierten
«Erst als die Kosten für die Behandlung der Nierenschäden, insbesondere durch Dialyse, massiv anstiegen, wurde das Problem ernst genommen», berichtet Kurz weiter.
Der Chefarzt des Bürgerspitals Solothurn prangerte den Schmerzmittelkonsum früh an. Er sprach von 1958 von «Tablettomanen», die nicht mehr ohne Schmerzmittel funktionierten. Auch andere Mediziner warnten vor gesundheitlichen Problemen.
Medikament verboten
1983 dann wurden Kombinationspräparate mit dem Inhaltsstoff Phenazetin in der Schweiz verboten, und Hoffmann-La Roche änderte seine Saridon-Rezeptur.
Die Uhrenkrise in den 1970er-Jahren reduzierte das Problem des verbreiteten Schmerzmittelkonsums weiter, da viele Arbeitsplätze in der Uhrenindustrie verloren gingen.