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Solothurner Uhrenindustrie Als Uhrenarbeiter täglich Dutzende Tabletten schluckten

Leistungsdruck und monotone Arbeit führten in der Solothurner Uhrenindustrie zu massivem Schmerzmittelkonsum.

In den 1960er-Jahren stellte man in der Region Grenchen SO und dem Jurasüdfuss einen massiven Anstieg von Nierenerkankungen fest. Das war kein Zufall, sondern die Folge eines exzessiven Schmerzmittelkonsums – zahlreiche Uhrenarbeiterinnern und -arbeiter hatten täglich bis zu 30 Schmerztabletten zu sich genommen. Nur so war die eintönige, körperlich anspruchsvolle Arbeit machbar.

Person in Werkstatt arbeitet an Uhren mit Werkzeugen auf einem Tisch.
Legende: Ein Uhrmacher in der Uhrenfabrik Eterna SA in Grenchen, Kanton Solothurn, aufgenommen 1986. Keystone/Str

Das zeigt die Dauerausstellung des Kultur-Historischen Museums Grenchen widmet sich der boomenden Uhrenindustrie in Grenchen.

Neue Fabriken im Jurabogen

Seit den 1850er-Jahren entstand im Jurabogen, rund um Grenchen, einer der wichtigsten Zweige der Schweizer Uhrenindustrie. Die Fabriken und Arbeitersiedlungen verdrängten die Holzhäuser und Bauernhöfe im Dorf.

«Stattdessen prägten nun renommierte Fabriknamen wie ETA, ASSA, Baumgartner Frères und A. Michel S.A. das Stadtbild», erzählt Bettina Kurz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kultur-Historischen Museum Grenchen SO.

Monotone Arbeit

Die Arbeit der Uhrmacher war hart und oft eintönig, die Arbeitszeiten waren lang. «Eine einzelne Person bewältigte nur eine kleinste Operation in der Produktionskette, schliff zum Beispiel den ganzen Tag lang Schlitze in winzig kleine Schrauben», erklärt Kurz.

Der Lärm der Maschinen und das grelle Licht führten zu Augen- und Kopfschmerzen. Auch da halfen die Schmerzmittel den Angestellten, den Tag zu überstehen.

Menschen in blauer Arbeitskleidung arbeiten in einer Fabrikhalle mit Maschinen.
Legende: Augenschein in der Uhrenmanufaktur ETA in Grenchen (undatiert). Zentralbibliothek Solothurn/Ulrich, Räss/Ernst, Räss

Oft wurde der Lohn in den 1950er-Jahren pro Anzahl gefertigter Stücke berechnet. Der Druck auf die Uhren-Fabrikarbeiter war somit gross.

Person in einem Laborumfeld an einer Maschine arbeitend.
Legende: Unter den Geschädigten waren auch viele Frauen. Sie mussten besonders hart arbeiten, erhielten aber weniger Lohn als die Männer. Im Bild eine Uhrenfabrikarbeiterin in Biel BE. Keystone/Str

Noch grösser war der Druck auf die Arbeiterinnen. Die Frauen durften um 11 Uhr die Fabrik verlassen, um einzukaufen und das Mittagessen für die Familie auf 12 Uhr bereitzustellen. Dann gings ohne Pause zurück in die Fabrik. «Oft erhielten sie nur die Hälfte des Lohnes eines qualifizierten Arbeiters», weiss Bettina Kurz.

Brötchen plus Schmerzmittel am Kiosk

Auf dem Weg zur Arbeit deckten sich Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter mit Brot, Zigaretten und Schmerzmittel ein. Diese waren damals am Kiosk oder an Automaten frei erhältlich.

Zu den beliebtesten Produkten gehörten die Saridon-Tabletten des Basler Herstellers Hoffmann-La Roche. Damals konnte man im Restaurant auch einen «Kafi mit» bestellen, und rührte das Pulver in den Kaffee. Oder die Tabletten landeten zerdrückt auf dem Frühstücksbrot.

«In diesem Teufelskreis gefangen, schluckten viele Arbeiterinnen und Arbeiter zwischen zehn und 30 Tabletten täglich», sagt Bettina Kurz vom Grenchner Museum.

Krankheitskosten explodierten

«Erst als die Kosten für die Behandlung der Nierenschäden, insbesondere durch Dialyse, massiv anstiegen, wurde das Problem ernst genommen», berichtet Kurz weiter.

Eine Person neben einer alten Stempeluhr in einem Ausstellungsraum.
Legende: Bettina Kurz hat zum Schmerzmittelkonsum in der Grenchner Uhrenindustrie recherchiert. Auf der Stempelkarte wurden die langen Arbeitszeiten dokumentiert. SRF/Beni Minder

Der Chefarzt des Bürgerspitals Solothurn prangerte den Schmerzmittelkonsum früh an. Er sprach von 1958 von «Tablettomanen», die nicht mehr ohne Schmerzmittel funktionierten. Auch andere Mediziner warnten vor gesundheitlichen Problemen.

Medikament verboten

1983 dann wurden Kombinationspräparate mit dem Inhaltsstoff Phenazetin in der Schweiz verboten, und Hoffmann-La Roche änderte seine Saridon-Rezeptur.

Die Uhrenkrise in den 1970er-Jahren reduzierte das Problem des verbreiteten Schmerzmittelkonsums weiter, da viele Arbeitsplätze in der Uhrenindustrie verloren gingen.

Die Grenchner Uhrenindustrie heute

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Gebäude mit Werbebanner und grüner Wiese im Vordergrund.
Legende: Die Eta in Grenchen, im Jahr 2026. Heute haben sich die Arbeitsbedingungen geändert. Die Firma zählt total rund 8000 Angestellte und gehört zur Swatch Gruppe. SRF

Als in den 70er-Jahren billigere Quarzuhren eingeführt wurden, sanken die Preise mechanischer Schweizer Uhren stark. In Grenchen gingen tausende Arbeitsplätze verloren.

«Ein grosser Teil der Uhrenfabriken und Zulieferer mussten schliessen. Erst als Nicolas Hayek 1983 die Produktion der Swatch in der ETA in Grenchen initiierte, erholte sich die dortige Uhrenindustrie wieder», heisst es beim Kultur-Historischen Museum Grenchen.

Die Eta Grenchen SA gehört zur Swatch Group. Die Firma mit Hauptsitz in Grenchen SO hat rund 8000 Angestellte an verschiedenen Produktionsstandorten. Die meisten davon sind in der Schweiz.

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Regional Diagonal, 20.6.2026, 12 Uhr ; 

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