Warum ist in Freiburg der Sprachenstreit wieder aufgeflammt? Im letzten Jahr hat der Kanton Freiburg ein neues Sprachengesetz in die Vernehmlassung gegeben. Dieses sieht unter anderem vor, dass eine Gemeinde offiziell zwei Amtssprachen haben kann, wenn sie an der Sprachgrenze liegt und der Anteil der sprachlichen Minderheit über zehn Prozent der Bewohnenden ausmacht. Ein Dutzend Gemeinden erfüllt die Bedingungen, darunter die Stadt Freiburg. Der Verein «Communauté Romande du Pays de Fribourg» (CRPF) will aber unter allen Umständen verhindern, dass Deutsch in der Kantonshauptstadt offizielle Amtssprache wird.
Wir befürchten, dass sich das Deutsch so immer weiter gegen Westen ausbreitet.
Warum will die CRPF Deutsch als Amtssprache verhindern? Der Verein befürchtet ein juristisches Wirrwarr in offiziellen Behördentexten, Gesetzen und Reglementen, wenn alles auf Deutsch und Französisch verfasst werden müsste. Ausserdem würde die Zweisprachigkeit enorme Übersetzungskosten verursachen. Und CRPF-Vizepräsident Alexandre Papaux sagt gegenüber SRF: «Wir befürchten, dass sich das Deutsch so immer weiter gegen Westen ausbreitet.» Es sei wichtig für den Sprachfrieden, dass die angestammten Territorien der verschiedenen Sprachen respektiert würden.
Was ist an den Befürchtungen dran? Zumindest das Kostenargument verfängt nicht: Die Stadt Freiburg übersetzt schon heute praktisch alle Texte vom Französischen ins Deutsche. Da kämen kaum neue Kosten auf sie zu. Und gemäss Schätzungen der Freiburger Kantonsverwaltung würden die Mehrkosten für offizielle Zweisprachigkeit weniger als ein Prozent des Budgets einer Gemeinde ausmachen. Die Angst vor einer Ausbreitung der deutschen Sprache lässt sich schwer be- oder widerlegen. Es ist aber wissenschaftlich erwiesen, dass sich Sprachgrenzen schon immer verschoben haben.
Früher mussten viele französischsprachige Freiburgerinnen und Freiburger in Bern unten durch
Woher kommen die Befürchtungen dann? Der deutschsprachige Historiker Bernhard Altermatt vermutet dahinter einen gewissen Minderheitenkomplex der älteren Generation: «Früher haben viele Freiburgerinnen und Freiburger in Bern gearbeitet und mussten dort als Fremdsprachige unten durch.» Deshalb hegten einige immer noch einen gewissen Groll gegenüber der deutschsprachigen Mehrheit in der Schweiz. In Freiburg könnten sie als Mehrheit den Spiess umdrehen. «Zum Glück sieht man das in der jüngeren Generation aber kaum noch», so Altermatt.
Was sagt die CRPF dazu? Vizepräsident Alexandre Papaux will von einem Minderheitenkomplex nichts wissen: «Wir wollen Zweisprachigkeit auf der persönlichen Ebene auch fördern», sagt er. Es gehe überhaupt nicht darum, der Minderheit Rechte zu verweigern. Eine Grenze von 10 Prozent, um als Minderheit sprachlich anerkannt zu werden, habe aber nichts mit der Realität zu tun. Er würde sich eher eine Grenze von 30 bis 35 Prozent wünschen – weil nur dann eine Gemeinde auch wirklich zweisprachig sei.
Wie geht es nun weiter? Die Vernehmlassung zum neuen Sprachengesetz ist abgeschlossen. Noch in diesem Jahr soll das Freiburger Kantonsparlament darüber entscheiden. Werden die Bestimmungen des Vorentwurfs übernommen, dann können die Gemeinden, welche die Kriterien erfüllen, darüber abstimmen, ob sie offiziell zweisprachig werden wollen. Neben der Stadt Freiburg könnte dies etwa in Courtepin oder in Murten zum Thema werden.