Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Sprachenstreit in Freiburg Wenn die welsche Minderheit den Spiess umdreht

Die Stadt Freiburg soll offiziell zweisprachig werden können – was gewisse Welsche verhindern wollen. Die Hintergründe.

Warum ist in Freiburg der Sprachenstreit wieder aufgeflammt? Im letzten Jahr hat der Kanton Freiburg ein neues Sprachengesetz in die Vernehmlassung gegeben. Dieses sieht unter anderem vor, dass eine Gemeinde offiziell zwei Amtssprachen haben kann, wenn sie an der Sprachgrenze liegt und der Anteil der sprachlichen Minderheit über zehn Prozent der Bewohnenden ausmacht. Ein Dutzend Gemeinden erfüllt die Bedingungen, darunter die Stadt Freiburg. Der Verein «Communauté Romande du Pays de Fribourg» (CRPF) will aber unter allen Umständen verhindern, dass Deutsch in der Kantonshauptstadt offizielle Amtssprache wird.

Wir befürchten, dass sich das Deutsch so immer weiter gegen Westen ausbreitet.
Autor: Alexandre Papaux Vizepräsident CRPF

Warum will die CRPF Deutsch als Amtssprache verhindern? Der Verein befürchtet ein juristisches Wirrwarr in offiziellen Behördentexten, Gesetzen und Reglementen, wenn alles auf Deutsch und Französisch verfasst werden müsste. Ausserdem würde die Zweisprachigkeit enorme Übersetzungskosten verursachen. Und CRPF-Vizepräsident Alexandre Papaux sagt gegenüber SRF: «Wir befürchten, dass sich das Deutsch so immer weiter gegen Westen ausbreitet.» Es sei wichtig für den Sprachfrieden, dass die angestammten Territorien der verschiedenen Sprachen respektiert würden.

Blick auf die Altstadt von Freiburg mit Fluss und Zähringerbrücke.
Legende: Die Stadt Freiburg an der Saane bildet die Brücke zwischen Deutschschweiz und Romandie. SRF/OLIVER KEMPA

Was ist an den Befürchtungen dran? Zumindest das Kostenargument verfängt nicht: Die Stadt Freiburg übersetzt schon heute praktisch alle Texte vom Französischen ins Deutsche. Da kämen kaum neue Kosten auf sie zu. Und gemäss Schätzungen der Freiburger Kantonsverwaltung würden die Mehrkosten für offizielle Zweisprachigkeit weniger als ein Prozent des Budgets einer Gemeinde ausmachen. Die Angst vor einer Ausbreitung der deutschen Sprache lässt sich schwer be- oder widerlegen. Es ist aber wissenschaftlich erwiesen, dass sich Sprachgrenzen schon immer verschoben haben.

Früher mussten viele französischsprachige Freiburgerinnen und Freiburger in Bern unten durch
Autor: Bernhard Altermatt Freiburger Historiker

Woher kommen die Befürchtungen dann? Der deutschsprachige Historiker Bernhard Altermatt vermutet dahinter einen gewissen Minderheitenkomplex der älteren Generation: «Früher haben viele Freiburgerinnen und Freiburger in Bern gearbeitet und mussten dort als Fremdsprachige unten durch.» Deshalb hegten einige immer noch einen gewissen Groll gegenüber der deutschsprachigen Mehrheit in der Schweiz. In Freiburg könnten sie als Mehrheit den Spiess umdrehen. «Zum Glück sieht man das in der jüngeren Generation aber kaum noch», so Altermatt.

Menschen bei einer Präsentation in Konferenzraum mit Projektor.
Legende: Der Sprachenstreit interessiert in Freiburg: Eine öffentliche Debatte, organisiert von der CRPF diese Woche, lockte ein grosses Publikum an. SRF/OLIVER KEMPA

Was sagt die CRPF dazu? Vizepräsident Alexandre Papaux will von einem Minderheitenkomplex nichts wissen: «Wir wollen Zweisprachigkeit auf der persönlichen Ebene auch fördern», sagt er. Es gehe überhaupt nicht darum, der Minderheit Rechte zu verweigern. Eine Grenze von 10 Prozent, um als Minderheit sprachlich anerkannt zu werden, habe aber nichts mit der Realität zu tun. Er würde sich eher eine Grenze von 30 bis 35 Prozent wünschen – weil nur dann eine Gemeinde auch wirklich zweisprachig sei.

Die Geschichte des Sprachenstreits in Freiburg

Box aufklappen Box zuklappen

1959 wurde die Deutschfreiburger Arbeitsgemeinschaft gegründet, um für mehr Rechte für die deutschsprachige Minderheit im Kanton Freiburg zu kämpfen. Als Gegenbewegung entstand 1985 die CRPF, um der «Germanisierung» von Freiburg entgegenzuwirken.

Die beiden Organisationen bekämpften sich in den folgenden Jahren teils heftig. 1990 wurden in der Kantonserfassung Deutsch und Französisch als kantonale Amtssprachen gleichgestellt und das Territorialprinzip der Sprachen verankert. Danach wurde es um den Sprachenstreit etwas ruhiger.

Als 2012 die Bahnhofsbeschriftung der Kantonshauptstadt vom französischen «Fribourg» auf «Fribourg / Freiburg» geändert wurde, flammte der Streit nur kurz wieder auf.

Ein Fusionsprojekt der Stadt Freiburg mit ihren Nachbarsgemeinden rief die CRPF dann wieder richtig auf den Plan. Sie befürchtete die Einführung der offiziellen Zweisprachigkeit durch die Hintertür. Das Projekt scheiterte 2021 in einer Konsultativabstimmung.

Vom Tisch ist der Sprachenstreit damit aber nicht. Schon vor einem Jahr erzürnte die Stadt Freiburg die CRPF erneut, indem sie ein neues, zweisprachiges Logo einführte. Und mit der Vernehmlassung zum neuen Sprachengesetz ist der Streit wieder aktueller denn je.

Wie geht es nun weiter? Die Vernehmlassung zum neuen Sprachengesetz ist abgeschlossen. Noch in diesem Jahr soll das Freiburger Kantonsparlament darüber entscheiden. Werden die Bestimmungen des Vorentwurfs übernommen, dann können die Gemeinden, welche die Kriterien erfüllen, darüber abstimmen, ob sie offiziell zweisprachig werden wollen. Neben der Stadt Freiburg könnte dies etwa in Courtepin oder in Murten zum Thema werden.

Echo der Zeit, 5.3.2026, 18 Uhr; vonb;herb

Meistgelesene Artikel