Kurz vor halb acht Uhr morgens auf der Pflegestation im Stadtspital Waid. Kilian Käppeli klopft an eine Zimmertür, tritt ein, lächelt: «Guten Morgen.» Der Patient richtet sich leicht auf. Ein kurzer Austausch über die Nacht, dann misst Käppeli die Temperatur, fragt nach Schmerzen, beobachtet aufmerksam.
Was nach Routine klingt, ist auf dieser Station besonders. Käppeli ist im ersten Ausbildungsjahr zum Pflegefachmann, 39 Jahre alt, Quereinsteiger – und arbeitet fast so selbstständig, als wäre er schon Jahre im Beruf. «Man wächst in die Aufgaben hinein», sagt er – «und füllt seinen Rucksack Schritt für Schritt.»
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Bild 1 von 2. Kilian Käppeli entschied sich während der Coronapandemie, in den Pflegeberuf einzusteigen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Auch Studentin Lea Marthaler arbeitet auf der neuen Pflegeabteilung am Stadtspital Zürich Waid. Bildquelle: SRF.
Ein paar Türen weiter kontrolliert Lea Marthaler den Blutdruck eines Patienten. Die 22-Jährige ist im dritten Ausbildungsjahr. Sie kennt die Abläufe, übernimmt Verantwortung, unterstützt jüngere Kolleginnen und Kollegen. «Wir funktionieren als Team», sagt sie. «Man kann es lustig haben – aber man weiss auch, wann es ernst ist.»
Schon früh in der Ausbildung viel Verantwortung
Die «Ausbildungsstation 365» im Stadtspital Waid funktioniert anders als klassische Abteilungen. Hier führen Studierende den Betrieb weitgehend selbstständig. Sie pflegen, tauschen sich untereinander aus, treffen Entscheidungen. «Man merkt, dass sie sich besonders Mühe geben», sagt ein Patient, der schon mehrfach hospitalisiert war. «Ein bisschen nervöser sind sie schon – aber sehr sorgfältig.»
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Bild 1 von 4. Pflegestudierende wie Lea Marthaler führen die Station am Zürcher Stadtspital Waid weitgehend selbstständig. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. So nehmen sie zum Beispiel Blut, messen Temperatur oder Blutdruck. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Lea Marthaler hat sich bewusst für das neue Ausbildungssystem entschieden und schätzt das hohe Mass an Eigenverantwortung. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Das Projekt «Ausbildungsstation 365» dauert noch bis zum Sommer 2028 und wird dann – je nach Fazit – definitiv eingeführt. Bildquelle: SRF.
Diese Mischung aus Motivation und Unsicherheit ist Teil des Konzepts. Lernen soll hier nicht nur stattfinden, sondern erlebt werden. Die Studierenden sind nicht Beobachter, sondern Akteure. Sie übernehmen Verantwortung für echte Menschen, echte Situationen, echte Entscheidungen.
Begleitet werden sie dabei trotzdem eng. Im Hintergrund stehen erfahrene Berufsbildnerinnen wie Joy Baumann bereit. Sie beobachtet, gibt direkt Rückmeldung, lobt, korrigiert. «Das Feedback kommt unmittelbar nach der Handlung», sagt sie. «Das hat eine enorme Wirkung.» Die Studierenden wüssten so genau, wo sie stehen – und was sie als Nächstes lernen können.
Aktuell arbeiten 13 Studierende für ein Semester auf der Station, insgesamt durchlaufen bis zu 40 pro Jahr das Programm. Für das Stadtspital ist es mehr als ein Ausbildungsformat. Es ist ein Versuch, die Pflege neu zu denken. Denn der Fachkräftemangel ist real und die Belastung hoch.
Ein Modell gegen den Fachkräftemangel?
«Wir wollen herausfinden, wie die Ausbildung attraktiv gestaltet werden kann», sagt Patrick Witschi, Leiter des Departements Fachpflege und Soziales am Zürcher Stadtspital. Attraktiv bedeutet: früh Verantwortung übernehmen, ernst genommen werden, sich als Teil eines funktionierenden Systems erleben.
Der Kanton Zürich unterstützt das Projekt mit rund 400’000 Franken jährlich – im Rahmen der Pflegeinitiative. Noch läuft die Station im Pilotbetrieb, bis mindestens 2028. Und noch nicht immer reibungslos. Prozesse müssen erst definiert, Rollen geklärt werden. «Das braucht Zeit», sagt Witschi.
Für Witschi spricht aktuell aber vieles für den Aufwand in der Station. Und auch Lea Marthaler sieht darin eine wichtige Stütze, um einen an sich wertvollen Beruf attraktiver zu machen. «Wenn ich sehe, dass es jemandem besser geht oder ich ihm den Tag ein bisschen verschönern konnte, dann ist das auch für mich schön.»