Ein neuer Bericht zeigt: Antisemitismus bleibt in der Schweiz auf erhöhtem Niveau. Die Zahl der Vorfälle in der realen Welt sinkt im Vergleich zum Vorjahr leicht, online stieg sie hingegen stark an. Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus GRA hat den jährlichen Bericht mitverfasst, deren Präsident Zsolt Balkanyi-Guery war zu Gast im SRF-Tagesgespräch.
SRF News: Die Zahl antisemitischer Vorfälle in der realen Welt ist leicht gesunken. Kann man von einer Entspannung reden?
Zsolt Balkanyi-Guery: Bei tätlichen Angriffen und antisemitischen Aussagen gibt es eine leichte Entspannung, worüber wir froh sind. Das Niveau bleibt aber deutlich erhöht. Wir sind noch nicht auf dem Stand von vor 2023, dem Terroranschlag auf Israel und dem Beginn des Krieges in Gaza.
Online sind die antisemitischen Vorfälle hingegen um 37 Prozent gestiegen. Wie erklären Sie sich das?
Einerseits bieten Plattformen wie Telegram die Möglichkeit, sich ungefiltert und anonym zu äussern. Andererseits gehört es zum Zeitgeist, online auf Newsartikel zu reagieren. Die Moderation dieser Kommentare ist noch nicht so ausgeprägt. Die Leute lesen etwas am Morgen und hauen sofort in die Tasten, was in einer Demokratie grundsätzlich gut ist. Im Fall von Antisemitismus stellen wir fest, dass es manchmal zu weit geht.
Welche Ereignisse wirkten 2025 als Auslöser – sogenannte Trigger – von Antisemitismus?
Der Nahost-Konflikt ist ein langfristiger Trigger. Je nachdem, was dort passiert, flammt es hier wieder auf. Es gibt aber auch kurzfristige Auslöser: die Teilnahme Israels am Eurovision Song Contest oder die Publikation von Akten zur Ermordung von JFK, die sofort Verschwörungstheorien befeuerten, nach dem Motto: «Es ist doch klar, wer dahintersteckt.» Die Onlinemedien sind der dankbare, niederschwellige Kanal, um diese Gedanken zu verbreiten.
Sie sagen, der Antisemitismus habe sich in der Schweiz normalisiert. Was meinen Sie damit?
Wir stellen fest, dass gewisse Aussagen mittlerweile wieder salonfähig geworden sind. Man hört Sätze wie: «Die sind doch auch selber schuld, oder?» oder «Wenn man sich so benimmt, gibt es doch eine Konsequenz, oder?». Dieses Anhängen eines «oder» ist eine Schweizer Eigenart, die Interpretationsspielraum und unterschwellige Gedanken zulässt.
Kritik an Israel als demokratischem Staat ist legitim, so wie bei jedem anderen Staat auch.
Eine Frage, die viele beschäftigt: Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Kritik an der Politik Israels und Antisemitismus?
Kritik an Israel als demokratischem Staat ist legitim, so wie bei jedem anderen Staat auch. Antisemitisch wird es, wenn man Doppelstandards anwendet oder Israel das Existenzrecht abspricht. Wenn man alle Jüdinnen und Juden pauschal mit der israelischen Politik gleichsetzt, klassische antisemitische Bilder von einer jüdischen Weltverschwörung bedient oder die aktuelle israelische Politik mit dem Nationalsozialismus vergleicht. Aussagen wie «Die sind ja wie die Nazis» sind klar antisemitisch.
Antisemitismus ist in tiefen Schichten der Gesellschaft verankert.
Was muss passieren, damit die Zahlen im nächsten Antisemitismus-Bericht sinken?
Es braucht Dialogbereitschaft. Viele Menschen reproduzieren antisemitisches Gedankengut, ohne je einem jüdischen Menschen begegnet zu sein. Wir müssen in der Bildung ansetzen und über Rassismus und Diskriminierung sprechen. Aber wir müssen realistisch sein: Es ist Sisyphusarbeit. Antisemitismus ist in tiefen Schichten der Gesellschaft verankert. Trotzdem müssen wir dranbleiben und immer wieder klar darauf hinweisen: So nicht!
Das Gespräch führte Simone Hulliger.