Die Tat geschah vor sieben Jahren. Doch Manon (Name geändert) erinnert sich, als wäre alles gestern geschehen. «Ich war 29-jährig, als ich auf einer Party von einem Bekannten sexuell missbraucht wurde», teilt sie SRF schriftlich mit. «Ich war wehrlos und ziemlich betrunken. Nach dem Übergriff quälten mich ständig Selbstvorwürfe: Wäre ich nur nicht hingegangen, hätte ich doch nichts getrunken, wäre ich doch früher nach Hause gegangen.» Am Ende habe sie sich entschieden, im Genfer Universitätsspital Hilfe zu suchen und habe Strafanzeige erstattet.
Langfristige Traumata nach sexuellen Übergriffen
Manon ist eines von 623 Opfern eines sexuellen Übergriffs, das sich in den letzten Jahren an den Universitätsspitälern Genf und Lausanne und weiteren Westschweizer Regionalspitälern behandeln liessen. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen waren alle Opfer Frauen. Ein Ärzteteam entschied sich, anhand der Fälle die langfristigen Auswirkungen sexueller Gewalt zu untersuchen.
Heute präsentierten die Studienleiter die ersten Resultate. Gemäss der bisherigen Erkenntnisse leiden nach Übergriffen mehr als die Hälfte der Opfer an Angststörungen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen wie Flashbacks oder Schreckhaftigkeit.
Diese Traumata haben wir wegen fehlender Längsschnittsstudien bislang unterschätzt.
Auch das Intimleben ist beeinträchtigt: Sexuell aktive Personen berichteten ein Jahr nach Übergriffen über sexuelle Funktionsstörungen wie Lustlosigkeit oder Probleme, zum Orgasmus zu kommen. Dazu kommen körperliche Beschwerden wie chronische Schmerzen, Magen-Darm-Probleme, Schlafstörungen und anhaltende Müdigkeit und Migräne.
«Die Resultate verdeutlichen, dass nach sexuellen Übergriffen langfristige Traumata bleiben», betont Co-Studienleiterin Jasmine Abdulcadir, leitende Ärztin an der gynäkologisch-geburtshilflichen Notfallstation der Genfer Universitätsspitäler. «Diese Traumata haben wir wegen fehlender Längsschnittsstudien bislang unterschätzt.»
Manon sagt: «Der Vorfall prägt mich bis heute: in meinen persönlichen Beziehungen, wie ich bestimmte Situationen wahrnehme und in wechselnden Schlafgewohnheiten.» Sie habe gelernt zu akzeptieren, dass sie nie wieder ganz so sein werde wie vor jener Nacht, sondern dass sie «der Missbrauch in gewisser Weise ein Leben lang verfolgen» werde.
Studie wird weitergeführt
Die Studie hält Manon für sehr wertvoll. Der Bericht des HUG zeigt, was Hunderte von Frauen erlebt haben und immer noch erleben – und das sind nur die Fälle, die gemeldet wurden.» Als Missbrauchte versuchten sie und andere Frauen ständig, «ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Rückkehr ins Leben, so gut es geht, und dem Kampf für Gerechtigkeit.»
Die Studienleiter werden die begonnene Studie weiterführen und sind bereits heute überzeugt davon, dass die Erkenntnisse für die langfristige Begleitung und Behandlung von Opfern sexueller Übergriffe helfen werden. Sie wünschen sich, mithilfe von Deutschschweizer Ärztinnen und Ärzten bald eine nationale Studie präsentieren zu können.