«Gezielte Manipulation der Bevölkerung» und SRF als «Teil gesellschaftlicher Konflikte»: Das russische Staatsmedium RT (früher Russia Today) greift die SRG frontal an, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.
In dem Beitrag auf seiner deutschsprachigen Plattform verwendet RT einen manipulierten Screenshot der SRF-Website. Darauf wird für die SRG-Initiative geworben, über die am 8. März abgestimmt wird.
Dem vom russischen Staat finanzierten Sender wird seit Jahren vorgeworfen, im Westen gezielt Falschinformationen und russische Propaganda zu verbreiten.
Aber warum mischt sich das russische Staatsmedium in eine Abstimmung in der Schweiz ein?
«Die zu Recht russlandkritische Berichterstattung von SRF ist dem Kreml ein Dorn im Auge», sagt Ulrich Schmid, Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen. «Eine Schwächung der SRG würde den medialen Raum für die Verbreitung von Propagandanarrativen weiten.» Entsprechend würde RT darauf abzielen, das Abstimmungsverhalten zu beeinflussen.
Auf Anfrage von SRF, wieso RT zur Abstimmung publiziere, heisst es bei der Plattform lediglich: «RT und unsere Autoren haben das Recht, ihre Meinung zu Themen ihrer Wahl und zu jedem Land ihrer Wahl zu äussern.»
Diffamierungen und Einflussversuche
Laut dem Bundesrat ist die Schweiz seit Verhängung der Sanktionen gegen Russland vermehrt Ziel von Desinformationskampagnen geworden. Wiederholt diffamierten russische Staatsmedien auch Exponenten der Schweizer Politik.
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Bild 1 von 4. Die damalige Verteidigungsministerin Viola Amherd wurde 2024 von russischen Staatsmedien als «Kindermörderin» bezeichnet – unmittelbar vor der Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock. Bildquelle: Keystone / Michael Buholzer.
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Bild 2 von 4. RT machte VBS-Chef Martin Pfister zum «Wahrheitsminister», als er vor ausländischen Einflusskampagnen warnte. Die eigentliche Gefahr für die Schweiz gehe von den «Zensurplänen» aus. Bildquelle: Keystone / Alessandro della Valle.
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Bild 3 von 4. SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf wurde in einem Beitrag mit dem Titel «Die Schweiz will russische Städte bombardieren lassen» mit einem Raketenwerfer gezeigt. Im Artikel schrieb RT der Sicherheitspolitikerin Aussagen zu, die sie nie gemacht hatte. Bildquelle: Keystone/Peter Klaunzer.
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Bild 4 von 4. Im Vorfeld der Erbschaftssteuer-Initiative titelte RT etwa: «Reiche raus, Ukrainer rein». Vor der Abstimmung zur E-ID warnte RT, der Bundesrat wolle die «Schweizer Bevölkerung überwachen wie Big Brother». Bildquelle: Keystone / Alessandro della Valle.
Russische Einflussnahmen vor Abstimmungen sind auch dem Staatssekretariat für Sicherheitspolitik Sepos bekannt. Insgesamt habe die russische Desinformation 2025 um rund einen Viertel zugenommen.
Die Autorenschaft der Beiträge ist oft unklar. Teils erscheinen sie anonym, andere Male unter dem mutmasslichen Pseudonym «Hans-Ueli Läppli».
Meinungsblasen verstärken, Misstrauen schüren, spalten: So umreisst Russland-Kenner Schmid das Vorgehen von RT. Der Sender setze auf «Nachrichtenverbreitung durch Massenproduktion». So würden die sozialen Medien gezielt mit KI-generierten Artikeln geflutet.
«Schnittmengen» mit Kreml-Narrativen
Die Schweiz sei jedoch kein prioritäres Ziel der russischen Propaganda – weit stärker im Fokus stehe Deutschland. «Dort gibt es Parteien am äussersten linken und rechten Rand, die sehr pro-russisch eingestellt sind.»
Hierzulande versuche der Sender weniger stark, Putin reinzuwaschen oder den Krieg in der Ukraine zu legitimieren. Schnittmengen mit Kreml-Narrativen gebe es aber. Geschürt werde etwa die Europa-Skepsis oder die Sorge um den Verlust der Neutralität. Auch Impfskeptikerinnen und Friedensaktivisten würden gezielt angesprochen.
Die EU hat RT nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine wegen systematischer Desinformation verboten. In der Schweiz ist RT DE weiterhin abrufbar. Für ein Verbot spricht für Schmid, dass RT teils offen Fake News verbreitet – so stellte es etwa das russische Massaker in Butscha als ukrainische Inszenierung dar.
«In der Schweiz wird die Meinungsfreiheit indes hochgehalten und argumentiert, dass die politische Öffentlichkeit auch Sender wie RT aushalten muss», so Schmid. Zudem könnte ein Verbot erst recht Aufmerksamkeit verschaffen: «Das Verbotene ist das Attraktive und man würde Vorwürfen Vorschub leisten, wonach es in der Schweiz keine Meinungsfreiheit gibt.»