Im Tierschutzfall Ramiswil hätten nicht alle der 122 Hunde eingeschläfert werden müssen. Das zeigt eine externe Untersuchung. Sie sagt aber auch: Ein Grossteil der Hunde sei nur schwer vermittelbar gewesen und es habe bei diesen keine Alternative zur Tötung gegeben. Es handelte sich dabei um Herdenschutzhunde, die weder sozialisiert noch artgerecht gehalten worden seien. Felix Hahn ist Leiter der Fachstelle Herdenschutz bei der landwirtschaftlichen Beratungszentrale Agridea. Er ordnet die Aussagen der Untersuchung ein.
SRF News: Ist es schwieriger, Herdenschutzhunde zu vermitteln als andere Hunde?
Felix Hahn: Ja, prinzipiell ist es nicht ganz einfach. Man muss wissen: Diese Hunde haben ein misstrauisches Grundwesen, das sich eigentlich nicht optimal als Familienhund eignet. Hinzu kommt die Vorgeschichte in Ramiswil.
Was heisst das genau, misstrauische Hunde?
Das ist ein Charakterzug, den man bei diesen Hunden über Jahrtausende für den Herdenschutz herausgezüchtet hat. Diese Hunde können sich sehr gut binden an Nutztiere wie Schafe oder Ziegen. Der misstrauische Charakterzug dient dazu, dass sie alles, was sie nicht kennen und was nicht zu ihrer Herde gehört, sehr misstrauisch beäugen. Kommt hinzu, dass es sehr grosse Hunde sind. Die brauchen viel Bewegung. Es braucht also speziell günstige Voraussetzungen, damit man diese gut als Familienhunde halten kann.
Es hätten jegliche Voraussetzungen gefehlt, dass die Herdenschutzarbeit für die Hunde möglich gewesen wäre.
Weshalb kann man diese Hunde nicht einfach für den Herdenschutz einsetzen?
Damit Herdenschutzhunde als Arbeitshunde eingesetzt werden können, braucht es ab dem Moment, wo der Wurf da ist, spezielle Rahmenbedingungen. Diese Hunde müssen mitten in den Nutztieren geboren sein. Zudem müssen die Nutztiere eine positive Beziehung zu den Hunden aufbauen. Entscheidend ist auch die Rolle des Hundehalters. Dieser muss die Hunde gut begleiten.
Und es muss auch die Genetik stimmen. Längst nicht alle Hunde, die zu einer Herdenschutzhunderasse gehören, bringen heute diese genetischen Voraussetzungen noch mit, weil sie über längere Zeit als Familienhunde oder anderweitig gezüchtet gehalten wurden. Im Fall Ramiswil hätten jegliche Voraussetzungen gefehlt, dass diese Arbeit für die Hunde möglich gewesen wäre.
War die grosse Anzahl an Hunden eine weitere Schwierigkeit bei der Platzierung?
Bei dieser Zahl ging mir durch den Kopf, dass da wahrscheinlich nicht mehr viel durch die Hundehalterin gesteuert war. Das hört sich schon nach reiner Vermehrung an und nicht mehr nach einer gesteuerten Zucht.
Bei diesen Voraussetzungen wäre es sehr anspruchsvoll und sehr zeit- und ressourcenintensiv gewesen, die Fälle einzeln zu prüfen.
Da kommen sicher Thematiken wie Inzucht dazu. Man weiss gar nicht, wer die Elterntiere sind. Wahrscheinlich waren die Hunde zu einem grossen Teil sich selbst überlassen.
Laut Schweizer Tierschutz hätte jeder Hund einzeln geprüft werden sollen. Wäre das eine Option gewesen?
Prinzipiell ist es absolut möglich, dass Hunde einer Herdenschutzhunderasse auch Plätze ausserhalb des Herdenschutzes finden. Bei diesen Voraussetzungen wäre es wahrscheinlich sehr anspruchsvoll und sehr zeit- und ressourcenintensiv gewesen, die Fälle einzeln zu prüfen.
Sollte bei der Züchtung solcher Hunde genauer hingeschaut werden?
Ja, eine gewisse Kontrolle macht Sinn. Denn diese Hunde haben wirklich spezielle Ansprüche.
Sie sind natürlich auch sehr exponiert, wenn sie als arbeitende Herdenschutzhunde im öffentlichen Raum eingesetzt werden. Man denke an Vorfälle mit Wanderern. Sie müssen aber auch funktionieren gegen Wölfe, Bären oder Luchse. Das ist schon ein anspruchsvolles Umfeld.
Das Gespräch führte Rachel Beroggi.