Anfang des Jahres wurde die Leiche einer Frau in deren Wohnung gefunden. Sie soll dort schon mehrere Monate tot gelegen haben, wie die «Luzerner Zeitung» meldete. Die rund 60-Jährige soll einen Beistand gehabt haben. Die Luzerner Sozialdirektorin Melanie Setz nimmt zum Fall Stellung.
SRF News: Sie hatten als Stadt die Sorgfaltspflicht über die verstorbene Person. Wieso haben Sie nicht früher gemerkt, dass sie verstorben ist?
Melanie Setz: Das ist in der Tat sehr ausserordentlich und hat uns auch wirklich tief erschüttert, dass dies in der Stadt Luzern möglich ist. Dies vor allem auch, weil wir eine Fürsorgepflicht hatten. Es ist uns deshalb sehr wichtig, dass wir herausfinden, wie das passieren konnte. Wir haben darum schnell eine externe Stelle beauftragt, dem nachzugehen.
Es gibt Standards, nach denen mindestens einmal pro Jahr ein persönlicher Kontakt stattfinden muss.
Man geht davon aus, dass die Person mehrere Monate unbemerkt tot in der Wohnung lag. Gibt es nicht vonseiten der Beistandschaft eine Vorgabe, dass sie regelmässig Ihre Klientinnen und Klienten physisch sehen, um solch einem Fall vorzubeugen?
Es gibt Standards, dass mindestens einmal pro Jahr ein persönlicher Kontakt stattfinden muss.
Und wann hat dies das letzte Mal stattgefunden?
Das kann ich Ihnen nicht sagen.
Die Aufarbeitung ist für uns essenziell. Damit wir sehen, ob es Versäumnisse der Prozesse bei uns oder der Kesb oder im Erwachsenenschutz gab.
Wurde etwas falsch gemacht in diesem Fall?
Zum aktuellen Zeitpunkt können wir das nicht beantworten. Darum ist die Aufarbeitung für uns essenziell, damit wir sehen, ob es Versäumnisse der Prozesse bei uns oder der Kesb oder im Erwachsenenschutz gab. Und falls das wirklich so wäre, dass wir Massnahmen ergreifen. Das ist für uns, für die Mitarbeitenden, aber auch für die Bevölkerung wichtig, dass wir das auch benennen können.
Haben die Nachbarn nichts bemerkt?
Vielleicht war es eine Person, die nicht unbedingt die sozialen Kontakte gesucht hat. Und darum kann es sein, dass Nachbarn nichts davon gemerkt haben.
Wie aussergewöhnlich ist es, dass jemand in der Wohnung verstirbt und erst nach einem so langen Zeitpunkt gefunden wird?
Das kommt sehr, sehr selten vor und ist mir und auch meinen Mitarbeitenden nicht bekannt. Aber man muss natürlich auch sagen, dass ich wahrscheinlich nur Kenntnis davon habe, wenn die Person in Beziehung zur Stadt Luzern gestanden hat.
Was machen Sie, damit so etwas nicht mehr vorkommt?
Dafür ist die Aufarbeitung durch die externe Fachperson essenziell, damit wir genau sehen, wo vielleicht Versäumnisse passiert sind und ob wir bei den Abläufen justieren oder andere Massnahmen ergreifen müssen.
Wir versuchen vorzubeugen, damit gerade Personengruppen, die ein Risiko für Einsamkeit haben, gar nicht erst da hineingeraten.
Einsamkeit und Anonymität in Grossstädten sind grundsätzlich ein Thema. Was tun Sie als Sozialdirektorin oder Ihre Direktion dagegen?
Einsamkeit ist ein grosses Thema, das oft ältere Menschen betrifft, aber auch Kinder und Jugendliche und junge Erwachsene. Wir versuchen vorzubeugen, damit gerade Personengruppen, die ein Risiko für Einsamkeit haben, gar nicht erst da hineingeraten. Mit Veranstaltungen und Projekten, zum Beispiel durch die Fachstelle Alter, aber auch für Kinder und Jugendliche mit Beratung und Betreuung durch die Schulsozialarbeit.
Wir fördern aber auch Freizeitangebote, Mittagstische und Integration. Und wir versuchen, Nachbarschaftshilfe ins Laufen zu bringen. Das sind verschiedene Ansätze, mit denen wir versuchen, die sozialen Kontakte aller Menschen zu stärken.
Das Gespräch führte David Kunz.