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Tragödie von Crans-Montana Offizielle Baupläne zeigen einen zweiten Notausgang

Basierend auf Bauplänen, die bislang unter Verschluss waren, hat SRF den Grundriss der Unglücksbar in Crans-Montana rekonstruiert. Darin ist ein zweiter Notausgang im Untergeschoss zu erkennen. In der Unglücksnacht war dieser verstellt.

In der verhängnisvollen Silvesternacht sind in der Bar «Le Constellation» 40 Menschen ums Leben gekommen. Über 100 weitere wurden grösstenteils schwer verletzt.

Unter Einsicht der Baupläne, Fotos, Videos und Zeugenaussagen konnte SRF die Bar detailliert rekonstruieren.

Über eine Treppe gelang man ins Untergeschoss der Bar. Bislang konnte kein zusätzlicher Notausgang im UG bestätigt werden. Die Recherchen von SRF zeigen nun: Ein Notausgang war da. Nur war er verstellt.

Der Notausgang im Untergeschoss

Im hinteren Bereich des Untergeschosses befanden sich ein Fumoir sowie eine Art Separee namens «Le Clandestin». Gegenüber den Toiletten zeigen Baupläne eine Tür, bei der es sich um einen Notausgang handelte und die ins Treppenhaus führte.

3D-Grundriss eines Hauses mit Möbeln.
Legende: Der Notausgang befand sich im Zwischenraum der beiden Räumlichkeiten. Rekonstruktion SRF (Baupläne, Fotos, Video, Zeugenaussagen)

Fotos einer Überwachungskamera aus den Ermittlungsakten zeigen diesen Fluchtweg, kurz bevor das Feuer ausbrach: Ein Barhocker steht vor der Türe. Es ist nicht klar, wer den Stuhl dort hingestellt hatte. Weiter ist unklar, wie und ob die Menschen diesen zweiten Fluchtweg benutzt haben. Auch ob sich die Rettungskräfte auf diesem Weg Zugang zur brennenden Bar verschaffen konnten, bleibt offen.

3D-Modell eines Raumes mit roter Tür und Monitor, Schwarzweissfoto eines Spiegels im Bild.
Legende: Der Notausgang war in der Unglücksnacht mit einem Barhocker verstellt. Rekonstruktion SRF (Baupläne, Fotos, Video, Zeugenaussagen)

In einem Interview mit RTS wurden die Anwälte von Barbetreiber Jacques Moretti mit dem blockierten Notausgang konfrontiert. Damals hiess es, man bezweifle, dass es sich bei der Türe im Bild um den Notausgang handle und dieser zur Zeit des Vorfalls blockiert gewesen sei.

Die Notausgänge im Obergeschoss

Am Ende des Terrassenbereichs befindet sich der schmale Ausgang der Bar. Durch das Gedränge an der Tür schafften es viele Menschen nicht, das Gebäude rechtzeitig zu verlassen.

3D-Grundriss mit Pfeilen zeigt Terrasse und Erdgeschoss.
Legende: Nach der ungefähr 1.40 Meter breiten Treppe gab es ein Gedränge bei der Zwischentüre zum Terrassenbereich. Diese Türe war nur ungefähr 90 Zentimeter breit, weil nur der rechte Türflügel geöffnet war. Zudem öffnete sich die Türe nach innen. Rekonstruktion SRF (Baupläne, Fotos, Video, Zeugenaussagen)

Zusätzlich gab es auch eine Seitentür. Moretti bezeichnete diesen Ausgang als Servicetür, die immer offen stehen sollte. In der Unglücksnacht war die Türe verschlossen – weshalb, ist nicht geklärt.

Offizielle Dokumente zeigen, dass diese Tür von der Gemeinde als Notausgang deklariert wurde. Moretti gab in Einvernahmen an, das sei ihm nicht bewusst gewesen.

Was hätten die zusätzlichen Fluchtwege bewirkt?

Mit einem zweiten Fluchtweg im Untergeschoss hätten die Menschen die brennende Bar um ein Vielfaches schneller verlassen können. Das zeigt eine Simulation von Brandschutzexperten der Firma BIQS.

Dadurch, dass alle über die schmale Treppe vor den Flammen zu fliehen versuchten, kam es vor der Treppe zu einem Rückstau.

Wie und ob die Menschen diesen zweiten Fluchtweg benutzt haben, ist nicht klar. Auch ob sich die Rettungskräfte auf diesem Weg Zugang zur brennenden Bar verschaffen konnten, bleibt zurzeit noch offen.

Der Umbau als Ursache

Für Fabian Citroni, Journalist beim Investigativ-Team von RTS, ist der Umbau ein entscheidender Faktor, der zum Unglück führte. «Bereits 2015 stimmt nichts. Der damalige Eigentümer, also nicht das Ehepaar Moretti, beantragt den Bau einer Veranda. Aber daraus wurde eine komplett neu gestaltete Bar. Niemand weiss davon, und es gibt keine Kontrollen», sagt er.

Erst während eines Umbaus wurde die Treppe zum Untergeschoss enger. Obwohl die Treppenbreite den geltenden Normen entsprach, hat dies wahrscheinlich dazu beigetragen, dass so viele Menschen starben. Auch die Räumlichkeiten im hinteren Teil der Bar wurden beim Umbau erweitert.

Fehlende Kontrollen seit 2019

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Im Januar 2018 hatte der Sicherheitsbeauftragte der Gemeinde Crans-Montana den Geschäftsführer Jacques Moretti dazu aufgefordert, die Besucherzahl in seinem Lokal auf 100 Personen pro Etage zu begrenzen.

Der Beauftragte gab ihm ausserdem drei Monate Zeit, um anzugeben, wo sich die Feuerlöscher befinden. Auch Evakuierungspläne und eine entsprechende Schulung des Personals fehlten damals.

Bei der Kontrolle im Mai 2019 wurden alle diese Forderungen vom Sicherheitsbeauftragten erneut gestellt, da der Geschäftsführer die Erwartungen der Gemeindeverwaltung nicht erfüllt hatte.

Es wurde ihm erneut eine Frist von drei Monaten eingeräumt, um die Vorschriften zu erfüllen. Seitdem wurde die Bar nicht mehr kontrolliert.

Der Schaumstoff an der Decke war gemäss den Ermittlungsakten nie beanstandet worden.

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Mehr zum Thema sehen Sie heute Abend in «10 vor 10» um 21.50 Uhr auf SRF1.

Rendezvous, 30.1.2026, 12:30 Uhr ; 

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