Es ist ruhig geworden in und um die ehemalige Trinkhalle des Kurhauses Tarasp in Scuol GR. Der Inn rauscht vorbei hier im Unterengadin, die Büvetta Tarasp nebenan ist in einem schlechten Zustand. Seit 20 Jahren ist das Gelände nunmehr abgesperrt. Die Decken und Wände bröckeln, vom Hang oberhalb drohen Steinschläge – statt internationaler Gäste tummeln sich wenige Neugierige auf dem Areal, die einen Lost Place erkunden wollen.
Letzte erhaltene Trinkhalle der Schweiz
Dies könnte sich bald ändern. Seit Sonntag ist klar: Es wird eine Stiftung gegründet, die eine Renovation und eine Wiederaufnahme des Betriebs vorantreiben soll. Die Stimmbevölkerung von Scuol sagte mit 72 Prozent deutlich Ja bei einer entsprechenden Abstimmung. «Ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung den Wert und die Einzigartigkeit der Büvetta und der Mineralwasserquellen erkannt und gewürdigt hat», sagt Gemeindepräsidentin Aita Zanetti.
Die Büvetta Tarasp früher
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Bild 1 von 5. Die Büvetta Tarasp in Scuol GR gibt es seit 150 Jahren. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 5. Die Trinkhalle war jahrzehntelang ein beliebter Treffpunkt. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 5. In die hohen Räumlichkeiten und gebogenen Hallen kamen gutsituierte Menschen zur Kur. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 5. Direkt ab mineralisierten Quellen gab es Wasser in kleinen Gläsern. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 5. Bis in die 1970er-Jahre gingen hier regelmässig Kurgäste auf und ab. Bildquelle: SRF.
Die Büvetta Tarasp gilt als die einzige erhaltene derartige Trinkhalle aus der Zeit, als der Kur- und Bädertourismus in der Schweiz so richtig boomte. Ab 1876, vor genau 150 Jahren, bis in die 1970er-Jahre kamen Gäste aus aller Welt ins Kurhaus Nairs. Die zugehörige Büvetta (rätoromanisch für Trinkhalle) war zu ihren goldenen Zeiten ein beliebter Treffpunkt und ein Ort, an dem sich der Adel für Mineralwasserkuren aufhielt.
Unmittelbar unter dem Gebäude sprudeln zwei Mineralquellen, die als die zwei am meisten mineralisierten Quellen Europas gelten, weil sie aus einer Tiefe von über zehn Kilometern stammen. Die Lucius- und Emerita-Quellen dienten dazu, Leber-, Magen-, Gallen- und Darmkrankheiten zu heilen. Heute sprudelt das Wasser zwar immer noch, es ist aber modrig und müffelt. Der Zahn der Zeit nagt an den Gemäuern.
Die Büvetta Tarasp heute
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Bild 1 von 5. Seit 20 Jahren ist die Trinkhalle abgesperrt. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 5. Innen drin ist vieles zerfallen. Der Zahn der Zeit nagt an der Büvetta. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 5. Noch ist vieles so, wie es mal war – zum Beispiel der Empfang, wo Kundinnen und Kunden Trinkgläser abholen konnten. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 5. Aus den Quellfassungen sprudelt immer noch das Wasser. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 5. Die Büvetta Tarasp liegt malerisch, direkt am Inn, mitten in einem waldigen Talgebiet. Bildquelle: SRF.
Mittlerweile steht das Kulturgut unter höchstem eidgenössischen und kantonalem Denkmalschutz. Entsprechend kompliziert sei es gewesen, die Sanierung zu planen, sagt Projektleiter und Architekt Christian Müller: «So etwas habe ich in meiner 30-jährigen Laufbahn noch nie erlebt.»
18 Millionen Franken kostet die Renovation
Seit sechs Jahren plant Müller den Bau. Und jetzt könnte es bald zum Wiedererwachen kommen. Die noch zu gründende Stiftung soll sich um die Finanzierung kümmern, um die Büvetta wieder auf Vordermann zu bringen. Ohne die Stiftung keine neue Trinkhalle.
Die Gemeinde Scuol rechnete vor: 18 Millionen Franken soll alles kosten – Sanierung der Quellfassungen, Hang- und Ufersicherung inklusive. Weil das Gebäude denkmalgeschützt ist, gibt es die Hälfte der Kosten in Form von Subventionen, 20 Prozent übernimmt die Gemeinde Scuol, 30 Prozent muss die Stiftung sammeln.
Das Ziel: ein Lokal für Events, Kultur- und Wissenschaftsseminare sowie für Mineralwasser-Degustationen – ganz im Sinne des früheren Zwecks. Das Baugesuch ist eingereicht, die Bewilligung aber noch nicht erteilt. Zuerst müssen der Fels oberhalb des Gebäudes gesichert sowie eine Ufermauer gebaut werden, eine Vorgabe des Bündner Amts für Wald und Naturgefahren. Damit könnte laut Architekt Christian Müller schon dieses Jahr begonnen werden.
Danach kann die Sperrzone aufgehoben werden. Und die Büvetta Tarasp gesund werden, wie die Menschen, die früher dafür ins Unterengadin gekommen sind.