Umfrage zur Neutralität - Die Bevölkerung will eine pragmatische Neutralität
80 Prozent der Schweizer Bevölkerung hält an der Neutralität fest. Eine Mehrheit ist aber bereit, Waffen an die Ukraine abzugeben. Das zeigt eine neue Umfrage, die SRF vorliegt.
Soll Schweizer Munition für die Drohnenabwehr zur Selbstverteidigung an die Ukraine geliefert werden – von der Schweiz in das vom Krieg betroffene Land? 56 Prozent der Befragten sagen Ja oder eher Ja. Das ist eine Mehrheit. Das zeigt eine neue repräsentative Umfrage des Forschungsinstitutes Sotomo.
Gleichzeitig wollen 80 Prozent grundsätzlich an der Neutralität festhalten. 85 Prozent finden, die Schweiz solle sich nicht an militärischen Konflikten beteiligen.
Bei der Neutralität flexibel
Die Schweizer Bevölkerung scheint bei der Neutralität höchst flexibel und pragmatisch zu sein. Fast 80 Prozent befürworten die Lieferungen von Schutzwesten an die Ukraine. Etwas, das die Schweiz aktuell nicht tut. Sie behandelt den Aggressor Russland und das Opfer des Angriffskrieges, die Ukraine, gleich – aus neutralitätsrechtlichen Gründen.
Auch Wirtschaftssanktionen gegenüber Staaten, die Völkerrecht verletzen, werden von einer grosse Mehrheit unterstützt, von 75 Prozent.
Neutralität sei keine Ideologie
Neutralität und Waffenlieferungen – ist das nicht ein Widerspruch? Michael Hermann von Sotomo verneint dies. Die Neutralität sei ein Mittel zum Zweck in den Augen der Bevölkerung.
Legende:
Die Neutralität sei in den Augen der Bevölkerung etwas Praktisches, das so lange gelte, wie es Nutzen bringe, sagt Michael Hermann von Sotomo.
KEYSTONE/EDA/POOL/Urs Flueeler (Symbolbild)
«Die Neutralität ist keine Ideologie, die tief in der Bevölkerung verankert wäre, die man nie aufgeben würde,» sagt der Politgeograf, der die Umfrage durchgeführt hat. Auftraggeberin der Befragung ist ein kleiner, bislang unbekannter Verein. Er trägt den Namen «NeutRealität».
Wer ist «NeutRealität»?
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Adrian Wiedmer hat ein Fairtrade-Handelsunternehmen geleitet, ist lokal bei den Grünliberalen aktiv. Und er hat vor ein paar Jahren mitgeholfen, einen Unihockey-Club zu gründen, zusammen mit zwei Kollegen aus der Schulzeit. Den Chat auf dem Handy von damals gebe es immer noch, erklärt Wiedmer: «Da haben wir uns regelmässig empört über die Schweizer Politik.» Der Grund für die Empörung war die Schweizer Ukrainepolitik.
Aus dem Chat wurden dann schnell das Projekt «NeutRealität». Ein Verein, gegründet von drei Privatpersonen, parteipolitisch unabhängig.
Sie hätten die Vermutung gehabt, dass die Schweizerinnen und Schweizer die Neutralität anders sehen als die Politik oder die SVP. «Wir wollten das testen,» sagt Wiedmer. Darum haben die drei Vereinsgründer mit privatem Geld die Umfrage in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.
Er und seine Mitstreiter wollten die Neutralität nicht abschaffen, sondern zukunftsfähig gestalten. An die Realität anpassen – darum das Wortspiel Neutralität und Realität als Name für den Verein.
Weiter zeigt die Umfrage: Die Bevölkerung stützt die sicherheitspolitische Annäherung an die Europäische Union und die Nato.
Legende:
Gemäss der Bevölkerung ist die Schutzfunktion der bewaffneten Neutralität eine Illusion.
Keystone/Michael Buholzer (Symbolbild)
83 Prozent wollen mit befreundeten Staaten kooperieren können – zum eigenen Schutz. 74 Prozent glauben nicht an die Schutzfunktion der bewaffneten Neutralität.
Nato-Beitritt nicht ausgeschlossen
Das Land könne sich nicht alleine gegen Angriffe verteidigen. 58 Prozent sprechen sich gar für einen Nato-Beitritt der Schweiz aus, sollte sich in der Zukunft die Sicherheitslage verschlechtern.
Michael Hermann erklärt, die Neutralität werde als erfolgreiches Konzept der Schweiz gesehen. «Man hat aber einen sehr pragmatischen Zugang zur Neutralität,» sagt er. Eine Bevölkerungsmehrheit lege die Neutralität so aus, dass sie in die eigene Konzepte passe.
Die Umfrageresultate brechen einige Tabus in der Schweizer Politik auf. Sicherheitspolitische Kooperation wird grossmehrheitlich begrüsst, gar ein Nato-Beitritt wird nicht ausgeschlossen. Die Bevölkerung kann sich direkte Waffenlieferungen an eine Kriegspartei vorstellen, wenn sich diese gegen einen Aggressor wehren muss. Einen grundsätzlichen Widerspruch zur Neutralität sieht sie darin nicht.
Einschätzung: «Bevölkerung stützt UNO-Charta»
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Einschätzung von Inlandredaktor Tobias Gasser:
«Eine Mehrheit von 56 Prozent der Schweizer Bevölkerung ist bereit, der Ukraine direkt Waffen zu liefern. Im konkreten Fall geht es um Munition gegen heranfliegende Drohnen. Noch unumstrittener wäre die Lieferung von Splitterschutzwesten und Schutzhelmen. Parlament und Bundesrat sind dazu nicht bereit.
Die Lieferung von Schutzwesten hat der Bundesrat per Notrecht untersagt. Mit Verweis auf das Haager Neutralitätsrecht von 1907, das von einem neutralen Staat wie der Schweiz eine Gleichbehandlung der Kriegsparteien einfordere.
Das Gewaltverbot gibt es definitiv seit 1945, seit der Gründung der UNO. Es ist ein zentrales Prinzip der internationalen Rechtsordnung. Wer einen anderen Staat angreift, bricht das Völkerrecht.
Wer angegriffen wird, darf sich darum militärisch verteidigen. Das tut die Ukraine aktuell gegen Russland. Legitimiert durch die UNO-Charta.
Mit der Bereitschaft, der Ukraine Waffen zu liefern, stützt die Schweizer Bevölkerung die UNO-Charta und stellt sie über das Haager Neutralitätsrecht, das keine Unterscheidung macht.
Noch hat der Abstimmungskampf zur Neutralitätsinitiative der SVP nicht begonnen. Aber die Umfrage zeigt, die Neutralitätsinitiative, die die immerwährende und bewaffnete Neutralität in die Verfassung schreiben will, könnte es schwer haben. Gleiches gilt für den abgeschwächten Gegenvorschlag, der zurzeit im Parlament diskutiert wird. Beides lehnt die Bevölkerung gemäss der Umfrage aktuell ab.
Und trotzdem bleibt die Neutralität weiterhin beliebt. Nur etwa ein Fünftel würde sie aufgeben wollen. Damit sendet die Bevölkerung ein Signal an die Politik, dass sie eine pragmatische und und undogmatische Neutralität will.»
Die Umfrage
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Die Umfrage hat das Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag des Vereins «NeutRealität» durchgeführt. Für die Umfrage sind 2088 Personen online befragt worden zwischen dem 7. und 20. November 2025. Die Fehlermarge der Umfrage beträgt +/-2.2 Prozent.