In der Schweiz vergiften sich immer mehr Menschen. Das ist aus den Zahlen zu lesen, die Tox Info Suisse vor wenigen Tagen veröffentlicht hat. Fast 45’000 Anrufe hat der Giftnotruf mit der Notrufnummer 145 letztes Jahr entgegengenommen. Beraten werden die Hilfesuchenden dort unter anderem von Ärztin Colette Degrandi.
SRF News: Warum vergiften sich Jahr für Jahr mehr Menschen in der Schweiz?
Colette Degrandi: Zunächst muss man festhalten: Meistens sind das Unfälle und viele davon sind auch harmlos. Sie betreffen oft kleine Kinder, die sich in der explorativen Phase befinden. Das heisst, sie entdecken ihre Umwelt und kommen dabei in Kontakt mit schädigenden Substanzen. In aller Regel ist das aber nicht dramatisch, weil die Mittel, die man üblicherweise im Haushalt verwendet, nicht sehr gefährlich sind.
Können Sie ein typisches Beispiel nennen?
Das wäre vielleicht ein kleines Kind, das gelernt hat, auf die Küchenkombination zu klettern und sich dort die Spülmittelflasche schnappt und daraus einen Schluck trinkt.
Wir stellen seit einigen Jahren einen Anstieg von Suizidversuchen bei Jugendlichen mit giftigen Stoffen fest.
Sie sagen, das sei häufig nicht dramatisch, aber die Eltern, die bei Ihnen anrufen, dürften das anders sehen.
«Nicht dramatisch» bezieht sich natürlich auf die medizinische Situation, weil wir in so einem Fall keine lebensbedrohlichen Symptome erwarten. Aber natürlich, auch ein Spülmittel ist eine Chemikalie, die in einem Kinderkörper etwas bewirkt – und «Chemikalie» klingt für viele Leute sehr gefährlich. Deswegen hilft es, wenn da eine Fachperson ein bisschen sortiert und die Eltern beruhigt.
Gibt es auch Entwicklungen, die Ihnen mehr Sorgen bereiten?
Wir stellen seit einigen Jahren einen Anstieg von Suizidversuchen bei Jugendlichen mit giftigen Stoffen fest. In der Regel mit Drogen oder Medikamenten. Das ist etwas, was wir sehr genau beobachten, auch wenn die Fallzahlen da glücklicherweise gering sind.
Was auffällt: Fast ein Drittel der Anfragen, die Sie entgegennehmen, stammt von medizinischem Fachpersonal, aus einem Spital beispielsweise. Man würde eigentlich annehmen, dort müsste man wissen, was in einem Notfall zu tun ist?
Die Toxikologie ist ein sehr kleines Fach in der Medizin, eine Nischendisziplin, wo das Wissen nicht sehr breit gestreut ist. Natürlich, eine Alkoholvergiftung, das kennen alle, die auf einer Notfallstation arbeiten. Aber Vergiftungen zum Beispiel in Kombination mit kreislaufwirksamen Medikamenten oder mit Psychopharmaka, was wir leider relativ häufig sehen, das ist dann nicht jedem behandelnden Arzt vertraut und deswegen ist es gut, wenn wir dann als Kompetenzzentrum beigezogen werden.
Als jemand, der täglich mit Vergiftungen zu tun hat, denken Sie manchmal auch: Das hätte jetzt nicht sein müssen, das hätte man verhindern können?
Bezüglich Prävention sind wir in der Schweiz relativ gut aufgestellt, besonders die Arbeitsplätze sind sehr sicher. Was wir halt oft sehen, sind diese «unnötigen» Unfälle im Haushalt. Deswegen empfehlen wir immer, dass man insbesondere Medikamente oder generell giftige Stoffe so aufbewahrt, dass sie für Kleinkinder nicht erreichbar sind und für ältere Kinder keine grossen Mengen verfügbar sind. Das ist das Wichtigste.
Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen sind rund um die Uhr im Einsatz. Gibt es eigentlich eine Tages- oder Jahreszeit, in der Vergiftungen häufiger passieren?
Wir haben mehr Anfragen in den Abendstunden. Das ist typisch. Und im Sommer mehr als im Winter. Das ist seit Jahrzehnten konstant so, ohne dass ich genau erklären kann, warum das so ist.
Das Gespräch führte Philipp Schrämmli.