Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Ungelöste Verbrechen Warum Cold-Case-Erfolgsmeldungen aus der Schweiz selten sind

Ende Februar nahmen die Koblenzer Behörden einen Tatverdächtigen im seit über dreissig Jahren ungeklärten Mordfall Amy Lopez fest. Auch im Fall Carmen Kampa erzielten Cold-Case-Ermittler in Bremen nach vierzig Jahren einen Durchbruch. In den USA konnten in den letzten Jahren gleich mehrere, lange zurückliegende Mord- und Vermisstenfälle aufgeklärt werden.

Erfolgreiche Cold-Case-Ermittlungen im Ausland

Box aufklappen Box zuklappen

Die Forensik und die Kriminaltechnik haben in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Moderne DNA-Analyseverfahren ermöglichen es, winzige Spuren zu untersuchen, die früher nicht auswertbar waren. Entsprechend konnten ausländische Behörden einige Erfolge vermelden:

  • Die amerikanische Touristin Amy Lopez wurde 1994 unterhalb der Festung Ehrenbreitstein in Deutschland vergewaltigt und ermordet aufgefunden. Damals konnte die Tat niemandem eindeutig nachgewiesen werden. Mehr als dreissig Jahre später sah sich die neu gegründete Ermittlungsgruppe «Cold Case» der Kriminalpolizei Koblenz den Fall erneut an. Mit neuen technischen Methoden konnte sie DNA-Spuren am Hosenbund des Opfers auswerten. Der Abgleich mit der DNA eines damaligen Verdächtigen ergab einen Treffer. Die Behörden nahmen den mittlerweile 81-Jährigen Ende Februar fest.
  • 1971 wurde die 17-jährige Carmen Kampa auf dem Heimweg von einer Disco in Bremen überfallen, vergewaltigt und gewürgt. Passagiere eines vorbeifahrenden Zuges beobachteten die Tat und alarmierten die Polizei. Als diese eintraf, war Carmen jedoch bereits tot. Für die Tat verurteilt wurde zunächst ein homosexueller Bauarbeiter, der jedoch später freigesprochen wurde, nachdem ein weiterer Mann in den Fokus geraten war. Dieser beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Vierzig Jahre nach dem Mord brachte eine Cold-Case-Einheit ans Licht: Beide Männer waren unschuldig. Die Ermittler werteten dafür im Archiv verwahrte Spuren von der Obduktion des Opfers aus und verglichen sie mit einer DNA‑Probe, die die Schwester eines damals ebenfalls verdächtigten Wachmanns freiwillig abgegeben hatte. Der Abgleich ergab einen eindeutigen Treffer. Der Mann war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits verstorben.
  • Die 24-jährige Lehrerin Rita C. wurde 1971 in ihrer Wohnung im US-Bundesstaat Vermont ermordet. Mehr als fünfzig Jahre später wertete die Polizei eine DNA-Spur an einem Zigarettenstummel vom Tatort aus und glich sie mit einer Gendatenbank ab – sie passte zu Verwandten eines damaligen Nachbarn des Opfers. Als die Ermittler dessen frühere Partnerin erneut zum Alibi befragten, gestand sie, verschwiegen zu haben, dass ihr Mann nach einem Streit das Haus verlassen hatte. Auch dieser mutmassliche Täter war zum Zeitpunkt der neuen Erkenntnisse bereits tot.

Vergleichbare Erfolgsmeldungen aus der Schweiz sind selten. «Hier werden im internationalen Vergleich relativ wenige sogenannte Cold Cases – also ungeklärte Tötungsdelikte – aufgeklärt», sagt Christiane Trapp, Leiterin der Fachstelle Kriminologie bei der Polizei Basel-Landschaft. Dieses Phänomen lasse sich nicht auf einen einzelnen Grund zurückführen. Vielmehr ist es das Ergebnis eines Zusammenspiels folgender vier Gründe.

1. Mord verjährt nach dreissig Jahren

Einen Fall wie Amy Lopez oder Carmen Kampa könnte es in der Schweiz nicht geben: Mord verjährt hierzulande nach dreissig Jahren. «Die Folgen sind erheblich», sagt Trapp. Selbst bei klarer Beweislage kann der Täter nicht angeklagt werden. «Damit sinkt die Motivation, sehr alte Fälle mit erheblichem Ressourcenaufwand neu aufzurollen.» Staatsanwaltschaften und Polizeikorps konzentrierten ihre begrenzten Mittel naturgemäss auf nicht verjährte Delikte.

Laut Parlament soll Mord unverjährbar sein

Box aufklappen Box zuklappen

Mord soll in der Schweiz künftig nicht mehr verjähren. Das hat nach dem Ständerat am Montag auch der Nationalrat entschieden. In der grossen Kammer setzte sich die SVP überraschend mit einem Minderheitsantrag durch. Damit würde Mord – analog zu Völkermord, Kriegsverbrechen und Sexualdelikten an Kindern – neu zu den unverjährbaren Straftaten gehören. Um den Systembruch abzufedern, beschloss der Nationalrat gleichzeitig, die Verjährungsfrist für vorsätzliche Tötung von heute 15 auf 30 Jahre zu verlängern. Die Vorlage geht nun wegen dieser Anpassung zurück an den Ständerat.

Quelle: SDA

Das Parlament möchte zwar die Verjährungsfrist für Mord abschaffen, doch würde dies nur für Fälle gelten, die beim Inkrafttreten der Gesetzesänderung noch nicht verjährt sind. Ein Grund für die bescheidenere Bilanz lautet deshalb: Schweizer Ermittler können schlicht weniger alte Fälle neu aufrollen als ihre Kolleginnen und Kollegen im Ausland.

2. Keine spezialisierten Cold-Case-Einheiten

In Österreich unterhält das Bundeskriminalamt eine eigene Abteilung für Cold-Case-Ermittlungen. Auch in Deutschland haben mehrere Bundesländer spezialisierte Cold-Case-Einheiten eingerichtet. Diese nehmen systematisch alte Fälle hervor und überprüfen, ob sie mit modernen Methoden etwas Neues herausfinden.

Blick durch Gitter auf verlassenen Raum mit Graffiti.
Legende: 1994 wurde Amy Lopez tot aufgefunden. Über dreissig Jahre später, am 25. Februar 2026, teilen Polizei und Staatsanwaltschaft in Koblenz mit, dass sie im Mordfall einen Mann festnehmen konnten. KEYSTONE/ Thomas Frey / dpa

In der föderalistischen Schweiz liegt die Strafverfolgung bei den Kantonen. Zwar verfügt der Kanton Basel-Landschaft über eine spezialisierte Fachstelle, die alte Gewaltverbrechen systematisch überprüft. Solche Strukturen sind bislang jedoch die Ausnahme. In den meisten Kantonen werden alte Akten meist nur dann wieder geöffnet, wenn ein neuer Hinweis eingeht.

3. Schweizer Medien halten sich zurück

«In Deutschland oder Österreich werden Cold Cases häufig offensiv über Medienformate, Fahndungssendungen oder gezielte Öffentlichkeitskampagnen thematisiert», sagt Trapp. «Diese Strategie zielt darauf ab, Mitwisser, frühere Bekannte oder bislang schweigende Zeugen zu erreichen.» Der Zeitfaktor spiele dabei eine wichtige Rolle: Jahrzehnte später seien Menschen eher bereit, Informationen preiszugeben.

«In der Schweiz hingegen ist die mediale Begleitung vielfach zurückhaltender», so Trapp. Das habe Folgen: Wenn Fälle schneller aus dem kollektiven Bewusstsein verschwänden, sinke die Wahrscheinlichkeit spontaner Hinweise aus der Bevölkerung.

4. Die Schweiz hat wenige Cold Cases

Zum Abschluss noch eine gute Nachricht: Die Schweiz hat bei schweren Gewaltstraftaten eine hohe Aufklärungsquote. Heute werden fast 100 Prozent der Tötungen aufgeklärt.

Entsprechend hat die Schweiz Im Vergleich zu anderen Ländern also gar nicht so viele ungelöste Fälle, die später als Cold Cases neu überprüft werden könnten. Insgesamt dürften es in der Schweiz laut einer Umfrage des Beobachters etwas mehr als dreissig sein.

Echo der Zeit, 27.2.2026, 18 Uhr;brus

Meistgelesene Artikel