Ende Februar nahmen die Koblenzer Behörden einen Tatverdächtigen im seit über dreissig Jahren ungeklärten Mordfall Amy Lopez fest. Auch im Fall Carmen Kampa erzielten Cold-Case-Ermittler in Bremen nach vierzig Jahren einen Durchbruch. In den USA konnten in den letzten Jahren gleich mehrere, lange zurückliegende Mord- und Vermisstenfälle aufgeklärt werden.
Vergleichbare Erfolgsmeldungen aus der Schweiz sind selten. «Hier werden im internationalen Vergleich relativ wenige sogenannte Cold Cases – also ungeklärte Tötungsdelikte – aufgeklärt», sagt Christiane Trapp, Leiterin der Fachstelle Kriminologie bei der Polizei Basel-Landschaft. Dieses Phänomen lasse sich nicht auf einen einzelnen Grund zurückführen. Vielmehr ist es das Ergebnis eines Zusammenspiels folgender vier Gründe.
1. Mord verjährt nach dreissig Jahren
Einen Fall wie Amy Lopez oder Carmen Kampa könnte es in der Schweiz nicht geben: Mord verjährt hierzulande nach dreissig Jahren. «Die Folgen sind erheblich», sagt Trapp. Selbst bei klarer Beweislage kann der Täter nicht angeklagt werden. «Damit sinkt die Motivation, sehr alte Fälle mit erheblichem Ressourcenaufwand neu aufzurollen.» Staatsanwaltschaften und Polizeikorps konzentrierten ihre begrenzten Mittel naturgemäss auf nicht verjährte Delikte.
Das Parlament möchte zwar die Verjährungsfrist für Mord abschaffen, doch würde dies nur für Fälle gelten, die beim Inkrafttreten der Gesetzesänderung noch nicht verjährt sind. Ein Grund für die bescheidenere Bilanz lautet deshalb: Schweizer Ermittler können schlicht weniger alte Fälle neu aufrollen als ihre Kolleginnen und Kollegen im Ausland.
2. Keine spezialisierten Cold-Case-Einheiten
In Österreich unterhält das Bundeskriminalamt eine eigene Abteilung für Cold-Case-Ermittlungen. Auch in Deutschland haben mehrere Bundesländer spezialisierte Cold-Case-Einheiten eingerichtet. Diese nehmen systematisch alte Fälle hervor und überprüfen, ob sie mit modernen Methoden etwas Neues herausfinden.
In der föderalistischen Schweiz liegt die Strafverfolgung bei den Kantonen. Zwar verfügt der Kanton Basel-Landschaft über eine spezialisierte Fachstelle, die alte Gewaltverbrechen systematisch überprüft. Solche Strukturen sind bislang jedoch die Ausnahme. In den meisten Kantonen werden alte Akten meist nur dann wieder geöffnet, wenn ein neuer Hinweis eingeht.
3. Schweizer Medien halten sich zurück
«In Deutschland oder Österreich werden Cold Cases häufig offensiv über Medienformate, Fahndungssendungen oder gezielte Öffentlichkeitskampagnen thematisiert», sagt Trapp. «Diese Strategie zielt darauf ab, Mitwisser, frühere Bekannte oder bislang schweigende Zeugen zu erreichen.» Der Zeitfaktor spiele dabei eine wichtige Rolle: Jahrzehnte später seien Menschen eher bereit, Informationen preiszugeben.
«In der Schweiz hingegen ist die mediale Begleitung vielfach zurückhaltender», so Trapp. Das habe Folgen: Wenn Fälle schneller aus dem kollektiven Bewusstsein verschwänden, sinke die Wahrscheinlichkeit spontaner Hinweise aus der Bevölkerung.
4. Die Schweiz hat wenige Cold Cases
Zum Abschluss noch eine gute Nachricht: Die Schweiz hat bei schweren Gewaltstraftaten eine hohe Aufklärungsquote. Heute werden fast 100 Prozent der Tötungen aufgeklärt.
Entsprechend hat die Schweiz Im Vergleich zu anderen Ländern also gar nicht so viele ungelöste Fälle, die später als Cold Cases neu überprüft werden könnten. Insgesamt dürften es in der Schweiz laut einer Umfrage des Beobachters etwas mehr als dreissig sein.