Junge Menschen in der Schweiz entscheiden sich vermehrt bewusst gegen Kinder. Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, dass einer von sechs jungen Menschen unter 30 definitiv keine Kinder will. Einige junge Männer gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie lassen sich bereits in ihren Zwanzigern sterilisieren, wie Swissinfo kürzlich berichtete.
Leider haben wir einfach immer noch den Umstand, dass Männer oder Menschen mit Spermien nur entweder das Kondom oder die Vasektomie als Option zur Verfügung haben.
Laut Sexualpädagoge Jannik Böhm ist es in der Schweiz sehr schwierig bis unrealistisch unter 30 Jahren eine Vasektomie zu machen. Sie könnte zwar gerade in den ersten fünf Jahren relativ gut rückgängig gemacht werden.
Doch wer sich bei einem Urologen oder einer Urologin anmelde mit der Überlegung, die Vasektomie wieder rückgängig zu machen, werde nicht behandelt. «Das ist als endgültige Methode gedacht und konzipiert», sagt Böhm. Deshalb sei sie von der amerikanischen und europäischen Fachgesellschaft unter 30 Jahren eigentlich nicht empfohlen.
Das Interesse bei jungen Männern dafür scheint jedoch zu bestehen. «Ich bin schon oft danach gefragt worden. Und ich betreue auch einen Chat, wo Menschen, vor allem junge Menschen, sexualpädagogische Fragen stellen können. Und die Frage trifft in der Tat immer wieder im Chat ein: ‹Wo kann ich eine Vasektomie machen? Mein Urologe, den ich gefragt habe, macht das nicht.›»
Vasektomie mangels Alternativen?
Der Sexualpädagoge verortet dieses Interesse in der gesamtgesellschaftlichen Tendenz, einen kleineren Kinderwunsch zu haben. «Unsere Geburtenrate ist auf einem historischen Tiefstand. Das spiegelt sich natürlich auch bei Männern irgendwie wieder», sagt Böhm.
«Und wenn ich mir zum jetzigen Zeitpunkt sehr sicher bin, dass ich kein Kind möchte, dann liegt natürlich der Schluss nahe, sich für die Vasektomie zu entscheiden», so Böhm. Doch braucht es dann gleich eine so endgültige Methode? «Meine These ist, dass es eigentlich darum geht, verhüten zu können», sagt Böhm. Den Männern fehlten jedoch die Optionen.
Was effektiv fehlt, ist die Nachfrage. Ich glaube, hier müssten Männer lauter schreien.
«Der grosse Unterschied zu Menschen mit Gebärmutter ist, dass es für Männer keine wirklichen Alternativen oder keine sicheren Alternativen gibt in der Fertilitätskontrolle.» Mit der Spirale oder der Pille hätten Frauen einige Methoden, um mit einer Fehlerrate unter einem Prozent relativ sicher verhüten zu können.
Kein Mangel an Ideen
«Leider haben wir einfach immer noch den Umstand, dass Männer oder Menschen mit Spermien nur entweder das Kondom oder die Vasektomie als Option zur Verfügung haben», sagt der Sexualpädagoge.
Dabei würde es nicht an alternativen Ideen mangeln. «Grundsätzlich gibt es eine relativ lebendige Forschungsszene», sagt Böhm. Seit den 1960er-Jahren sei diese mehr oder weniger aktiv. An einem Kongress seien einmal über 100 mögliche Ansatzpunkte für ein Zeugungs-Verhütungsmittel vorgestellt worden. «Wir haben also durchaus viele Ansätze», sagt der Sexualpädagoge.
Wo liegt also das Problem? «Ich glaube, was effektiv fehlt, ist die Nachfrage. Ich glaube, hier müssten Männer lauter schreien», sagt Jannik Böhm.
Wenn Männer definitiv und unwiderruflich für das ganze Leben unfruchtbar sein wollen, dann sei die Vasektomie eine gute Lösung. «Aber ich glaube, für ganz viele Menschen wäre es auch einfach toll, sicher und reversibel verhüten zu können. Und für 2026, finde ich, wäre es doch endlich an der Zeit.»