Fast vier Tage nach dem Jahrhundert-Erdbeben in Venezuela sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Vermisste noch lebend aus den Trümmern gerettet werden können. Auch Venezolanerinnen und Venezolaner in der Schweiz bangen um ihre Angehörigen und Freunde.
Dutzende Nachrichten zu vermissten Angehörigen
Der Venezolaner Carlos Delgado verfolgt die Tragödie aus der Ferne: «Wir fühlen uns aufgewühlt und hilflos. Wir realisieren in solchen Situationen, wie weit weg wir von zuhause sind.»
Als Präsident der Schweizerisch-Venezolanischen Handelskammer habe er in den letzten Tagen viel Kontakt mit Venezolanerinnen und Venezolanern in der Schweiz gehabt. Viele hätten sich bei ihnen gemeldet, voller Sorge um die Verwandten und Freunde im Heimatland. «Das Erste, was wir von anderen Venezolanerinnen und Venezolanern in der Schweiz hörten, war, dass sie sich grosse Sorgen um ihre Familien machen. Es war schwierig, Menschen in Venezuela zu erreichen.» Auch jetzt funktioniere die Kommunikation noch nicht überall.
Noch immer sind Strom und Mobilfunknetz nicht flächendeckend wiederhergestellt – Angehörige können sich oft nicht erreichen. Diese Ungewissheit durchlebt zurzeit auch Katherine Losada. Sie ist in Caracas aufgewachsen und kam vor 20 Jahren in die Schweiz. «Wir haben eine Chatgruppe mit über zwanzig Familienmitgliedern. Einige antworten, andere nicht.» Mit dieser Angst lasse sich nicht arbeiten oder schlafen.
Ihre Gedanken kreisten aktuell ausschliesslich um die Menschen vor Ort. Fast alle seien in irgendeiner Form von der Katastrophe betroffen, sagt Katherine Losada. Sie würden Leute kennen, die gestorben sind oder noch vermisst werden, oder die ihr ganzes Hab und Gut verloren haben. Sobald sie ihr Handy öffne, sehe sie dutzende Nachrichten und Bilder von Leuten, die nach ihren Angehörigen suchten. «Nach Tagen bekommen wir Sprachnachrichten oder Voicemails, sie fragen zum Beispiel: ‹Kennt ihr jemanden in der Nähe, der helfen kann?›»
Sorge um prekäre Wirtschaftslage
Die Solidarität unter den Venezolanerinnen und Venezolanern sei gross – alle versuchten irgendwie einander zu helfen. Doch nebst der humanitären Krise mache sie sich auch Sorgen, was diese Katastrophe längerfristig für Venezuela bedeute, sagt Katherine Losada.
Doch nun fangen wir nicht bei Null an, sondern im Minus.
Anfang Jahr – mit dem Sturz von Langzeit-Herrscher Nicolás Maduro, habe sie Hoffnung verspürt. Auf Wandel, auf einen Aufschwung, darauf, dass Venezuela aus seiner krisengebeutelten Geschichte herausfinde. Das Erbeben habe das Land noch weiter zurückgeworfen. «Das ist eine Tragödie, die nicht nur humanitär belastet.» Es werde auch die bereits prekäre Wirtschaftslage verschlimmern. «Vorher war es schon schlimm. Doch nun fangen wir nicht bei Null an, sondern im Minus.»
Der Wiederaufbau werde lange dauern und Venezuela werde auch dabei auf internationale Hilfe angewiesen sein, sagt Carlos Delgado von der Schweizerisch-Venezolanischen Handelskammer. Und doch gäbe es etwas, das ihm Hoffnung mache. Denn trotz – oder gerade wegen der vielen Krisen, die das Land heimgesucht hätten – seien die Venezolanerinnen und Venezolaner vor allem eines: widerstandsfähig.