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Verändertes Wildverhalten Wie der Wolf die Zählung von Hirschen verändert

Die Zählung von Wildtieren ist aufwendiger geworden – auch wegen des Wolfs. Die Tiere verhalten sich auch anders.

Es ist kurz nach 22 Uhr. Die Strassen im dunklen Wald oberhalb von Scuol GR sind leer. Wildhüter Curdin Florineth lässt das Fenster des Autos herunter und hält die Wärmebildkamera in die Dunkelheit.

Bereits nach kurzer Zeit leuchten weisse Flecken auf dem Display auf. «Es sind Stiere mit Bastgeweih. Dieses ist stark durchblutet und deshalb gut auf dem Wärmebild sichtbar», erklärt Florineth.

Der Wildhüter notiert auf dem Zählblatt auf seinem Schoss: acht männliche Rothirsche. Seit rund 30 Jahren zählt die Bündner Wildhut nachts die Hirsche – auf den immer selben Routen, in den immer selben Nächten. Die Zahlen entscheiden, wie viele Tiere im Herbst bei der Jagd geschossen werden. Zu viele Hirsche im Wald schaden dem Jungholz, zu wenige gefährden den Bestand.

In dieser Nacht fällt die Bilanz mager aus. Auf manchen Wiesen, wo früher Dutzende Hirsche standen, ist heute kaum ein Tier zu sehen. Curdin Florineth sagt: «Wir sehen oberhalb der Häuser zwei Hirsche, das ist sehr wenig. Da hatten wir schon 50 bis 70 Tiere.»

Der Bestand und das Verhalten sind viel weniger berechenbar.
Autor: Lukas Walser Abteilungsleiter Wild und Jagd Kanton Graubünden

Warum es in dieser Nacht deutlich weniger Hirsche hat, dafür sind die Erklärungen vielfältig: Der milde Winter sorgt dafür, dass Hirsche länger in höheren Lagen bleiben. Seit dem Fütterungsverbot, das vor zehn Jahren eingeführt wurde, verteilen sich die Tiere zudem grossflächiger.

Mann mit Weste sitzt vor einer Pflanze.
Legende: Lukas Walser ist beim Bündner Amt für Jagd und Fischerei Abteilungsleiter Wild und Jagd. SRF

Und: Auch der Wolf hat Einfluss auf das Verhalten der Rothirsche. Seit rund 15 Jahren ist dieser im Kanton Graubünden wieder präsenter. Lukas Walser, Leiter der Abteilung Wild und Jagd: «Die Hirsche sind eher in kleineren Gruppen unterwegs. Der Bestand und das Verhalten sind viel weniger berechenbar, als das früher der Fall war. Sie müssen auch dem Wolf ausweichen, der ein sehr intelligenter Jäger ist.»

Wildhut muss häufiger kontrollieren

Wildhüter Curdin Florineth bestätigt: Heute lassen sich die Tiere schwieriger zählen. «Wir haben das Gefühl, dass es an gewissen Orten eine andere Verteilung gibt. Sie stehen an Orten, wo sie einen Überblick haben. Zudem treten sie nicht mehr in so grossen Rudeln auf.»

Das veränderte Verhalten hat direkte Folgen für die Wildzählung. Die Wildhüter müssen häufiger kontrollieren, erklärt Lukas Walser vom Kanton: «Es braucht mehr Vor- und Nachzählungen, um die Resultate auch verifizieren zu können. Wir haben beobachtet, dass an einem Ort an einem Abend viele Hirsche gezählt werden und am nächsten Tag ist das Gebiet fast leer – wegen der Wölfe.»

Auto fährt nachts auf dunkler Strasse.
Legende: Mitten in der Nacht fahren die Autos der Wildhut durch die Wälder, um Wildtiere zu zählen. SRF

Die Zählung sei zwar komplizierter geworden, deswegen aber nicht ungenauer, so Walser weiter. Weil mehr gezählt wird. «Wir haben zudem einen Vorteil im Vergleich zu früher: die neue Technik.» Wärmebildgeräte würden einen besseren Überblick über den Hirschbestand bieten – gerade bei den Vor- und Nachzählungen. «Mit diesen Geräten kann man auch auf die andere Talseite schauen, ob sich dort Hirsche aufhalten.»

Und so geht die Suche in dieser Nacht weiter, Wiese für Wiese, Route für Route. Am Ende dieser Nacht zählen die Wildhüter rund 90 Hirsche – etwa halb so viele wie in Spitzenjahren.

Schweiz aktuell, 18.5.2026, 19 Uhr ; 

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