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Vermessung der Landesgrenze Mit Steigeisen, Buschmesser und Krawatte

Alain Wicht ist Beauftragter für die Landesgrenze bei Swisstopo. Momentan vermisst er die Grenze zu Italien neu.

Alain Wicht weiss nie, was ihn an einem Arbeitstag erwartet. «Es ist jedes Mal eine Entdeckung», sagt er. Ein Strahlen huscht über sein Gesicht. Alain Wicht ist Beauftragter für die Landesgrenze beim Bundesamt für Landestopografie Swisstopo. Er vermisst die Grenze der Schweiz mittels Globalem Navigations­satellitensystem (GNSS) – innerhalb weniger Minuten auf den Zentimeter genau.

Person klettert auf Felsen über Schweizer See.
Legende: Grenzvermessung fordert vollen Körpereinsatz. Bundesamt für Landestopografie swisstopo

Dass die Grenze so genau von einer einzigen Person vermessen werden kann, war einst undenkbar. Die Landesvermessung war ein abenteuerliches Unterfangen, eine technische Präzisionsarbeit mit Triangulationspunkten, für die es mehrere Mitarbeiter und viel Zeit benötigte.

Grenzen verändern sich

Momentan ist Alain Wicht an der Grenze zu Italien unterwegs. Diese beruht auf einem Abkommen aus den 1960er-Jahren, das nun ergänzt werden soll.

Forscher mit Kamera und Ausrüstung im verschneiten Gebirge.
Legende: Was Alain Wicht heute mittels modernster Technik alleine bewerkstelligt, brauchte früher diverse technische Utensilien und mehrere Mitarbeiter. Bildarchiv Swisstopo

Denn Grenzen sind nicht in Stein gemeisselt und können sich verändern. Etwa dann, wenn sie auf Wasserscheidelinien definiert wurden – im Alpenraum eine gängige Methode. Mit dem Schmelzen der Gletscher aber können sich diese Linien verschieben. Und die Grenze muss neu ausgehandelt werden.

Fenster zur Vergangenheit

1661 Grenzpunkte markieren die Grenze zu Italien, über 7000 sind es entlang der ganzen Schweizer Grenze. Alain Wicht vermisst sie nicht nur, er kontrolliert und pflegt dabei auch die Grenzsteine – entfernt Moss oder zeichnet die Gravuren nach.

Einige Steine sind älter als die Schweiz, weil bei der Bundesstaatsgründung 1848 meist die Grenzen der heutigen Kantone übernommen wurden.

Diese Steine hätten viel zu erzählen, wenn sie sprechen könnten.
Autor: Alain Wicht Topograf

Alain Wicht zeigt auf einen Stein aus dem 16. Jahrhundert, der mit einem Drachen verziert wurde. Die für ihn schönsten Steine liegen an der Grenze zu Frankreich: «Manche sind noch mit der Fleur de Lys, dem Symbol der französischen Monarchie, verziert – diese Steine hätten viel zu erzählen, wenn sie sprechen könnten», sagt er und zieht den Pinsel mit präzisen Handbewegungen durch die Zahlen.

Es ist unglaublich, wie sie diese schweren Steine früher an diese Orte brachten.
Autor: Alain WIcht Topograf

Sollten solche Steine mit neuen ersetzt werden, um die alten als historische Quellen in einem Museum zu erhalten? Alain Wicht schüttelt vehement den Kopf. «Diese Steine gehören hierhin», sagt er. Gedanklich in die Vergangenheit schweifen lassen sie ihn trotzdem. «Es ist unglaublich, wie sie diese schweren Steine früher an diese Orte brachten.»

Steigeisen und Krawatte

Rund einen Drittel seiner Arbeitszeit verbringt Alain Wicht draussen im Feld, in felsigen Höhen und im verwachsenen Dickicht. Kletterseil, Steigeisen und Buschmesser gehören zu seinen Arbeitsutensilien.

In der restlichen Arbeitszeit ist Trittsicherheit auf dem politischen Parkett gefragt. Dann nämlich, wenn er sich als Mitglied verschiedener technischer und politischer Kommissionen mit Vertretern der Nachbarländer trifft, um dort zu verhandeln, wo sich die Grenzen gewandelt haben.

«Wir sind da, um Lösungen zu finden», sagt er. Und meint mit diplomatischem Fingerspitzengefühl: «Eine Landesgrenze ist wie ein Reissverschluss. Man kann die Jacke öffnen oder schliessen. Eine Grenze trennt, aber sie verbindet auch.»

10vor10, 31.3.2026, 21:50 Uhr; noes

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