Bagger und Baulärm dort, wo es eigentlich ruhig sein und die Natur unberührt bleiben sollte: im Schweizerischen Nationalpark. Doch momentan ist es nötig. Der Grund: Vor 10 Jahren wurde der Fluss Spöl mit giftigen Chemikalien verschmutzt. Bei Bauarbeiten an der Staumauer Punt dal Gall beim Livigno-See im Kanton Graubünden gelangte der Giftstoff PCB ins Wasser und lagerte sich im Bachbett ab.
Nach jahrelangen Verhandlungen und Teilsanierungen ist beim Spöl nun eine einzigartige Baustelle mitten im Naturschutzgebiet entstanden. Das Bachbett wird ausgebaggert, um den Giftstoff wieder zu entfernen.
Ruedi Haller, der Direktor des Schweizerischen Nationalparks, sagt: «Die Belastung ist immer noch da. Sie ist nicht mehr ganz so hoch wie am Anfang, aber es hat nach wie vor PCB im gelösten Wasser.» Davon betroffen sind vor allem Tiere: «Wir haben die Eier von Wasseramseln getestet. Die sind belastet. Auch Fische, die wir im Frühling untersucht haben, sind nach wie vor in einem Bereich, wo ich sie nicht essen würde.»
Im letzten September wurden 12'000 Bachforellen abgefischt und umgesiedelt. Die Umsiedlung wurde nötig, damit jetzt das Bachbett ausgebaggert werden kann. Seit Anfang April laufen die Sanierungsarbeiten auf einer Länge von drei Flusskilometern.
Das Sediment wird nach und nach aus dem Bach herausgenommen, sortiert und aufbereitet. Das sind 37'000 Tonnen Steine, Kies und Sand – etwa 2500 Lastwagenladungen voll. Davon sind 10'000 Tonnen PCB-belastetes Feinmaterial, das nicht gereinigt werden kann. Dieses wird abtransportiert und entsorgt.
Strenge Regeln für die Bauarbeiter
Bauführerin Melanie Eberhard erklärt die Herausforderungen bei der Baustelle am Spöl. Enge Platzverhältnisse, in sensiblem Terrain: «Wir haben natürlich extrem hohe Umweltauflagen, was im Nationalpark sinnvoll ist. Es ist für uns das erste Mal, ein solches Projekt in einem Nationalpark.»
Die PCB-Belastung ist auch gefährlich für die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter. Sie alle tragen langärmlige Oberteile. «Das ist Pflicht, weil man das PCB über die Haut aufnehmen kann. Zudem wird auf der Baustelle weder gegessen noch getrunken. Es darf auch nicht geraucht werden. Die Arbeitssicherheit ist immer ein Thema», sagt Bauführerin Melanie Eberhard.
Bald wieder wie vorher?
Die Spöl-Sanierung dürfte rund 20 Millionen Franken kosten. Nationalpark-Direktor Ruedi Haller sagt, die Methode habe sich bewährt und man sei auf Kurs. Trotzdem bleibe der Einfluss auf Flora und Fauna: «Die Landtiere, zum Beispiel Gämsen oder Bartgeier, haben sich an die Baustelle gewöhnt. Die Fische sind weg. Das Habitat der kleinen Tiere ist weg. Wir werden ein paar Jahre brauchen, bis wir das wiederhaben.»
Das Ziel ist klar: Der Fluss Spöl soll wieder fliessen wie vorher. Durch den Nationalpark, ohne PCB-Belastung, ohne Baustelle und mit gesunden Tieren. Ruedi Haller sagt: «Die Erfahrung zeigt, dass das in einem Flusssystem eigentlich wiederkommen sollte.»