«Die ‹linkste Parlamentarierin› schafft den Sprung in die Berner Regierung», schreibt der «Tages-Anzeiger» zur Wahl der Grünen Aline Trede in den Berner Regierungsrat. Bei manchen machte sich die Grüne im nationalen Parlament durch ihre klare Positionierung unbeliebt. Das Stimmvolk des Kantons Bern wählte sie nun in den Regierungsrat. Politologe Michael Hermann untersucht diese Entwicklung.
SRF News: Inwiefern nützt Bekanntheit aus dem nationalen Parlament für ein kantonales Exekutivamt?
Michael Hermann: Früher war die beste Vorbereitung für ein kantonales Exekutivamt, dass man schon im Kanton aktiv war, dass man irgendwo Stadtpräsidentin war oder im Kantonsparlament eine wichtige Rolle spielte. Aber mir scheint es, dass sich da gerade etwas verändert. Dass die nationale Bekanntheit also immer wichtiger wird, um auch in kantonalen Waren zu bestehen. Das ist ein bemerkenswerter Trend.
Musste Aline Trede ihr Image anpassen, musste sie sich quasi mässigen, um gewählt zu werden?
Früher wäre es für jemanden, der im nationalen Parlament am linken Rand politisiert, fast schon ein No-Go gewesen, bei einer Regierungsratswahl anzutreten, und sie hätte sich mässigen müssen. Aber Aline Trede konnte nun sich selbst bleiben. Sie ist eine Person, die sich zwar klar positioniert, aber offen auf andere eingeht. Das hat ihr sicher geholfen. Vor ein paar Jahren wäre jemand wie Reto Müller, Stadtpräsident einer mittelgrossen Stadt mit einem gemässigten Profil, der idealere Kandidat gewesen und mit mehr Stimmen gewählt worden. Das hat sich verändert: Für Trede war wichtig, dass die Wahlberechtigten im Kanton ein Bild von ihr hatten, und sie musste sich nicht stark verstellen.
Einerseits ist die nationale Bekanntheit wichtiger geworden und andererseits hat auch ihre unorthodoxe Art die Marke gestärkt.
Werden diesbezüglich bei Frauen andere Massstäbe angelegt, müssen sie sich mehr anpassen?
Früher war es so, dass sich Frauen für ein Exekutivamt – wie soll ich sagen – sehr präsidial und getragen geben mussten. Trede entspricht nicht diesem Bild. Einerseits ist die nationale Bekanntheit wichtiger geworden, und andererseits hat auch ihre unorthodoxe Art die Marke gestärkt und ist kein Wahlhindernis mehr.
Gibt es ähnliche Beispiele, die ihr Image nicht stark verändert haben?
Balthasar Glättli ist ein etwas anderes Beispiel, weil er in einer linken Stadt kandidierte. Trotzdem ist bemerkenswert, dass er mit einem relativ kurzen Wahlkampf die lokalen Grössen überholt hat. Céline Widmer von der SP hat ebenfalls besser abgeschnitten als ihr Mitbewerber, sie war ebenfalls im Nationalrat. Auch die Wahl von Roger Nordmann könnte man noch nennen, er war Nationalrat und ist nun in den Staatsrat der Waadt gewählt worden. Das hat auch mit einem Wandel der Medienlandschaft zu tun. Die Medien berichten weniger über Lokales und Kantonales, deshalb sind die kantonalen Politikerinnen und Politiker nicht mehr so bekannt. Heute dominiert die nationale Politik derart, dass häufig auch Persönlichkeiten aus der nationalen Politik auftreten, wenn es um lokale oder kantonale Themen geht. Sie sind die bekannten Köpfe und oft auch geübter im Umgang mit Social Media.
Man gewinnt zwar an Macht und an Einfluss, verliert aber an persönlicher Autonomie.
Welche Auswirkungen hat der Wechsel vom Parlamentsmandat zu einem Exekutivamt auf die politische Positionierung?
Da bin ich sehr neugierig, wie dieser Rollenwechsel bei Aline Trede wird. Als Mitglied in einem Parlament kann man seine eigene Agenda verfolgen. In einem Exekutivamt hat man eine Entourage, die einem die Termine vorgibt. Man gewinnt zwar an Macht und an Einfluss, verliert aber an persönlicher Autonomie.
Das Gespräch führte Eveline S. Kobler.