Es ist noch kein Jahr her, seit Roger Nordmann die nationale Politik verlassen hat. Nach 21 Jahren im Nationalrat, davon acht als Präsident der SP-Fraktion, trat der Waadtländer zurück. Er wolle den Fuss vom Gas nehmen, sagte er damals. Nun steht der 52-Jährige wieder im Wahlkampf – diesmal für die Waadtländer Kantonsregierung.
Ich bin es gewohnt, in einem Umfeld mit sehr unterschiedlichen Meinungen zu arbeiten.
Im Lausanner Quartier Chailly verteilt Nordmann bei eisigem Wind Wahlkampfbroschüren. Viele gehen vorbei, wenige bleiben stehen. Nicht alle sind ihm wohlgesinnt. «Ich bin kein Sozialist», ruft ein Mann und geht weiter. Eine Frau bleibt stehen, verwickelt Nordmann in eine Debatte über das Drogenproblem in Lausanne. Nordmann scheint alles um sich herum zu vergessen. Die Diskussion macht ihm sichtlich Spass.
Die überraschend kurze Politikpause
Dass er so schnell in die Politik zurückkehrt, kam für ihn selbst überraschend. Auslöser war der vorzeitige Rücktritt der Waadtländer Gesundheits- und Sozialdirektorin Rebecca Ruiz. «Es kommt vielleicht ein bisschen früh», sagt Nordmann. «Aber ich habe gesagt: Okay, ich stelle mich zur Verfügung.»
Die angespannte Lage in der Waadt schmerze ihn, sagt Nordmann: Strafuntersuchungen gegen eine Regierungsrätin, ein tiefrotes Budget – und eine zerstrittene Regierung. «Es gibt Momente, in denen ich kalte Füsse habe. Aber ich bin es gewohnt, in einem Umfeld mit sehr unterschiedlichen Meinungen zu arbeiten.»
Lösungsorientierter Politiker
Seine Fähigkeit, auch mit politischen Gegnerinnen Lösungen zu suchen, galt in Bern als eine von Nordmanns Stärken. Auch wie schnell er sich in Dossiers einarbeiten kann, wurde geschätzt. Regierungserfahrung hat er allerdings keine. «Am besten wäre man schon Regierungsrat gewesen, wenn man zum ersten Mal gewählt wird», sagt er dazu. «Aber das gibt es eben nicht.»
Es wäre eine riesige Herausforderung.
Er bringe Führungserfahrung mit als ehemaliger SP-Fraktionschef und als Verwaltungsrat eines Unternehmens mit 160 Angestellten. Aber natürlich weiss auch er, dass das freiwerdende Gesundheits- und Sozialdepartement der Waadt eine ganz andere Nummer wäre.
Allein das Lausanner Universitätsspital CHUV beschäftigt über 10’000 Mitarbeitende. «Das wäre eine riesige Herausforderung. Das kann ich nicht verneinen.»
Dazu kommt, dass die Bürgerlichen, um die Staatskasse zu sanieren, im Gesundheitswesen sparen wollen. Für Nordmann liegt das Problem jedoch woanders: «Die Hauptursache der Finanzkrise sind unvorsichtige Steuersenkungen. Sie kosten den Kanton inzwischen rund 550 Millionen Franken pro Jahr. Das muss man ändern.»
Aussichtsreicher Kandidat am 8. März
In Lausanne-Chailly kommt Nordmann ganz unterschiedlich an. Die Passantin, mit der er über Drogenpolitik gesprochen hat, wünscht sich «jemanden mit mehr Weitblick». Eine andere sagt, sie werde ihn wählen. Er könne überzeugen und Kompromisse finden.
Nordmann gilt als Favorit für die Nachwahl vom 8. März. Er ist deutlich bekannter als sein aussichtsreichster Gegenkandidat von der SVP. Doch um zu gewinnen, muss Nordmann nicht nur im linken Lausanne punkten, sondern auch im bürgerlicheren Rest des Kantons.