Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Weltweit einzigartiger Fund Naturmuseum St. Gallen findet zufällig einen Orchideen-Taufschein

Die erste wissenschaftliche Beschreibung des «Grünlichen Breitkölbchens» ist fast 200 Jahre alt.

Schnellen Schrittes führt der pensionierte Biologe Alfred Brülisauer in den Keller des Naturmuseums St. Gallen. «Wir gehen zur botanischen Sammlung. Hier lagern rund 100’000 Pflanzenbelege, die ältesten von 1820», sagt er. Das Herbar – die Sammlung konservierter Pflanzen – umfasse vor allem lokale Pflanzen aus der Region St. Gallen und Appenzell.

Vom Söldner zum Botaniker

Herkömmliche Museumsbesucherinnen und -besucher haben hier keinen Zutritt. Im kühlen Archiv mit grossen Regalen ist auch der neuste Fund untergebracht: der erste wissenschaftliche Beleg der Orchideenart «Grünliches Breitkölbchen». So etwas wie der Taufschein, ein sogenanntes Typusexemplar eines Herbarbogens.

Aus den Unmengen an Kisten und Mappen zieht Brülisauer den richtigen Bogen heraus. Darin: mehrere gepresste Pflanzen auf einem Blatt Papier.

Wahrscheinlich der wertvollste Beleg in unserer Sammlung.
Autor: Alfred Brülisauer Ehemaliger Kurator Naturmuseum St. Gallen

Der Herbarbogen von 1827 stammt aus der Sammlung eines Rheinecker Bezirksarztes, der mit Napoleon auf dem Russlandfeldzug gewesen sei. «Dann hat er sich der Botanik gewidmet.» Und lateinisch genau beschrieben, wie es sich damals zugetragen habe. Er habe die Orchidee in einem Wald in der Nähe von Wolfhalden AR gefunden.

Das Grünliche Breitkölbchen

Box aufklappen Box zuklappen
Weisse Orchideenblume in der Natur.
Legende: imago/Imagebroker

Laut Swisscollnet, dem Schweizer Netzwerk Naturhistorische Sammlungen, besitzt diese Orchidee zwei bis drei grosse ovale Blätter und eine Blütendolde mit oft über 20 weisslich-hellgrünen oder gelben Blüten. Die Art ist weit verbreitet, von Europa über Russland bis China und Japan, und wird auch Grünliche Waldhyazinthe genannt.

Die Orchideenart, das «Grünliche Breitkölbchen», sei an sich nichts Spezielles, unscheinbar und weitverbreitet, sagt Biologe Brülisauer. Dass der weltweit erste wissenschaftliche Beleg bislang unentdeckt im Archiv des St. Galler Naturmuseums schlummerte, sei aber speziell: «Das ist wahrscheinlich der wertvollste Beleg in unserer ganzen Sammlung.»

Im Rahmen eines Digitalisierungsprojekts sei der Taufschein hervorgekommen. «So konnten wir den Beleg identifizieren und genauer erfassen. Das ist wirklich etwas Spezielles.»

Wird nicht im Museum ausgestellt

«Wir sind auch ein bisschen stolz auf den Fund», sagt Biologe Alfred Brülisauer. «Weil eine von den 3000 Gefässpflanzenarten in der Schweiz als Erstes hier beschrieben wurde. Und sie hier bei uns lagert.»

Die Museumsbesucherinnen und -besucher bekommen den Taufschein nicht zu sehen. Das Archiv sei klimatisch sehr schonend für dieses ideell wertvolle Dokument. «Der Beleg ist 200 Jahre alt. Wir wollen ihn weiterhin erhalten.» Daher sei es nicht geplant, das historische Dokument auszustellen. Aber: «Wenn sich jemand dafür interessiert, holen wir es gerne aus dem Keller.»

Digitalisierungsprojekt der SCNAT

Box aufklappen Box zuklappen

Einen monetären Wert lässt sich beim Fund nicht beziffern, sagt Biologe Alfred Brülisauer. Das Naturmuseum St. Gallen hat von der Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) 80’000 Franken für die Digitalisierung erhalten. Schweizweit ist dafür rund eine Million Franken an verschiedene Museen verteilt worden. Das Hauptziel: die Bestände für alle Interessierten digital zugänglich machen.

Regionaljournal Ostschweiz, 6.1.2026, 6:31 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel