420'000 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt: So viele Leute kaufen sich jedes Jahr ein Ticket für das Château Chillon bei Montreux. Beim Gang durch die prunkvollen Säle, grosszügigen Innenhöfe, Privatgemächer ehemaliger Herrscher und die Kapelle gehen die dunklen Seiten dieses Schlosses gerne vergessen.
Auch wenn Museumsdirektorin Sofia Marta dos Santos dafür sorgt, dass auf Führungen Verbrechen zur Sprache kommen. Fakt ist: Vom Hochmittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts diente das Schloss auch als Gefängnis, es wurden Menschen gefoltert und exekutiert. Drei dunkle Einblicke:
Der Kerker im Keller
Der Keller mit seinem gotischen Gewölbe knapp über der Wasserlinie des Genfersees diente als Lagerraum für Lebensmittel und Waffen, aber auch als Gefängnis. Der im Keller angebrachte Galgen ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert.
Als bis heute berühmtester Gefangener gilt der Genfer Freiheitskämpfer François Bonivard (1493–1570), den die Savoyer ab 1530 auf Chillon, an eine Säule angekettet, festhielten. Nebst Bonivard hatten die Savoyer weitere Gefangene eingekerkert. Erst die Berner befreiten Bonivard aus seinem Verlies, als sie 1536 das Schloss eroberten.
Dass Bonivard weltberühmt wurde, dafür sorgte der britische Poet Lord George Byron, der ab 1816 in Cologny bei Genf lebte und dort vom Schicksal Bonivards erfuhr. Byron widmete dem Freiheitskämpfer das weltweit gefeierte Gedicht «Der Gefangene von Chillon». In die Säule, an der Bonivard im Keller angekettet gewesen sein soll, hat Byron seinen Namen eingeritzt.
Frauengefängnis im Wappensaal
Auch der Kanton Waadt betrieb auf Chillon ein Gefängnis, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die Zellen befanden sich aber weiter oben und hatten Tageslicht. In der sogenannten Aula Nova waren Männer eingesperrt, die Frauen ein Stockwerk höher, im sogenannten Wappensaal, der im Mittelalter als Empfangsraum gedient hatte.
Eine der letzten Strafgefangenen von Schloss Chillon war die Schottin Charlotte Stirling, die 1888 als 23-Jährige im Dienst der Heilsarmee in die Schweiz gekommen war. Im waadtländischen Orbe wurde ihr vorgeworfen, sie habe Kinder mit religiösen Liedern und Gebeten auf aggressive Weise für einen anderen Glauben anwerben wollen. Proselytismus hiess der Straftatbestand dafür. Ein Gericht verurteilte Charlotte Stirling zu 100 Tagen Haft. Die Schottin wurde ins Gefängnis nach Chillon gebracht. Doch ihr Fall löste eine politische Kontroverse aus – und diplomatische Spannungen zwischen der Schweiz und Grossbritannien.
Leiden auf den Schlosshöfen
Die insgesamt vier Schlosshöfe werden heute für Veranstaltungen, Theateraufführungen und Konzerte genutzt. Doch hier wurden im Mittelalter Frauen festgehalten, die man der Hexerei bezichtigte, bevor sie dann auf Scheiterhaufen in Vevey oder La Tour-de-Peilz verbrannt wurden. Aber auch Jüdinnen und Juden wurden in Chillon nach Pogromen interniert.
Dokumentiert ist ein Massaker an Juden im Hochmittelalter, die man wegen einer Pestepidemie in Villeneuve beschuldigte, die Brunnen vergiftet zu haben. In Chillon inhaftierte jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden schliesslich aus dem Schloss geholt, geschlagen und auf mehreren Scheiterhaufen am Seeufer verbrannt.