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Weniger Geburten Zweifel am Millionen-Bau von zwei neuen Kantonsschulen im Aargau

800 Millionen Franken will der Aargau in den Ausbau der Kantonsschulen investieren. Wegen der sinkenden Geburtenrate fordern nun erste kritische Stimmen eine Überprüfung der geplanten Ausbauprojekte.

In den letzten Jahren waren es zwei der grossen Themen im Schweizer Bildungssystem: Zu wenig ausgebildete Lehrpersonen und Platzmangel an Schulen. Auch der Aargau will sich für die Zukunft wappnen. Investitionen von 800 Millionen Franken für den Ausbau der Kantonsschulen sind geplant. Am Kantonsschul-Standort Stein wird gerade ein Neubau umgesetzt. Ein Grossteil der bestehenden Kantonsschulen wird ausgebaut und zwei zusätzliche Standorte sind in Planung.

«Zwischen 2022 und 2050 wird mit einem demografisch bedingten Wachstum der Anzahl Mittelschülerinnen und Mittelschüler von 27.5 Prozent gerechnet», heisst es in den offiziellen Unterlagen des Kantons. Doch stimmt diese Prognose noch? Neuste Zahlen lassen aufhorchen: 2024 sank die Geburtenrate in der Schweiz auf einen Tiefpunkt von 1.29 Kindern pro Frau.

Zweifel im Aargau an Schulraumplanung

Die höchste Aargauer Lehrerin und SP-Grossrätin, Colette Basler, zweifelt inzwischen an den Plänen des Kantons. «Während der Planung stützte man sich natürlich auf die damaligen Prognosen. Die aktuelle Entwicklung konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht voraussehen.» Basler stellt sich die Frage: «Braucht es im Aargau überhaupt zusätzliche Kantonsschulen?»

Modernes Atrium mit grossen Fenstern, Tischgruppe und Treppen.
Legende: So soll der Neubau der Kantonsschule Stein aussehen. Ob die zwei zusätzlichen Kanti-Standorte in Windisch und Lenzburg gebaut werden, ist im Moment noch unklar. ZVG/Visualisierung: © MISKELJIN, Digital Images Studio

Auch die FDP-Grossrätin Jeanine Glarner fordert eine Überprüfung. «Wir arbeiten derzeit an einer Interpellation, die wir in den nächsten Wochen einreichen.» Konkret will Glarner wissen, wie die Regierung die neusten Entwicklungen interpretiert. «Es stellt sich die Frage: Braucht es eine neue Kantonsschule? Braucht es zwei? Oder vielleicht gar keine?»

Beim Kanton rennt Glarner damit offene Türen ein. «Die neusten Zahlen deuten stark darauf hin, dass ein Ausbau, in dem Masse, wie er jetzt geplant ist, nicht nötig ist», erklärt Michael Umbricht, Generalsekretär des Aargauer Bildungsdepartements. Auch wenn man neben der Geburtenrate auch andere Faktoren wie die Zuwanderung miteinbeziehen müsse. Zusätzlichen Raum brauche es sowieso: «Aktuell sind die Kantonsschulen im Aargau zu 120 Prozent ausgelastet. Das müssen wir zuerst einmal abbauen.»

Sinkende Geburtenrate zwingt zum Umdenken

Die sinkenden Schülerzahlen sind auch in anderen Kantonen ein Thema. So hat die Stadt Zürich im letzten Jahr verschiedene Schulraum-Projekte verschoben, redimensioniert und auch sistiert. Im Kanton Obwalden plant die Gemeinde Kerns die Schliessung einer der zwei Primarschulen auf das kommende Schuljahr, weil es zu wenig Kinder hat.

Luftaufnahme eines Schulgebäudes mit Sportplatz in hügeliger Landschaft.
Legende: Vor rund fünf Jahren hat die Gemeinde Kerns OW noch in die Sanierung des Schulhauses Melchtal investiert. Nun stellt sich die Frage, ob hier weiterhin unterrichtet wird. ZVG / Gemeinde Kerns

Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, sieht die sinkende Geburtenrate auch als Chance. Aktuell herrsche eine Notlage. «Wegen zu wenig Lehrpersonen müssen Klassen teils zusammengelegt werden und unausgebildetes Personal unterrichtet an Schulen.»

Was passiert, wenn wir plötzlich diese Notlage nicht mehr haben?
Autor: Dagmar Rösler Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Schon in den nächsten Jahren treten die ersten geburtenschwachen Jahrgänge in die Primarstufe ein. «Was passiert, wenn wir plötzlich diese Notlage nicht mehr haben?» Wenn sich die Situation dann auf der Primarstufe entspanne, gäbe es wieder kleinere Klassen, die Kinder würden besser betreut und der Lehrermangel entspanne sich.

Die sinkende Geburtenrate ist aktuell aber nur ein Trend. Selbst das Bundesamt für Statistik betont, die Prognosen seien mit zahlreichen Unsicherheiten verbunden und darum mit Vorsicht zu geniessen.

Regionaljournal Aargau Solothurn, 16.2.2026, 17:30 Uhr ; 

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