Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Wissen der Dorfchronisten Freiwillige Dorfhistoriker: Wer bewahrt künftig Geschichten auf?

Ohne ihn gingen Geschichten verloren: Louis Tiefenauer ist Dorfhistoriker in Döttingen AG. Es gibt immer weniger davon.

Dorfchronisten wissen viel über die Geschichte im Dorf. Sie sind nicht nur für ihre Gemeinde, sondern auch für die Kantonsarchäologie wichtig, sagen Fachleute. Nur: Die Dorfhistoriker sterben langsam aus, Nachwuchs ist kaum in Sicht.

Der Aargauer Dorfhistoriker Louis Tiefenauer setzt sich dafür ein, dass Dorfgeschichten bewahrt werden, wenn nötig auch anders als bisher.

Älterer Mann lächelnd am Tisch vor Fenster sitzend.
Legende: Louis Tiefenauer bei sich zu Hause. Die Geschichte der Region liegt ihm am Herzen. SRF/Alex Moser

Tiefenauer weiss viel über die Geschichte der Region Döttingen: 1963 ist in Döttingen die Aare zugefroren. Statt Wasservögel sah man auf dem Klingnauer Stausee Schlittschuhlaufende.

1799 verhinderten Schweizer Scharfschützen, dass Erzherzog Karl mit russischen Truppen den Fluss bei Kleindöttingen überqueren konnte. Und die Waldshuter Rheinfähre wurde bereits 1487 gegründet.

Geschichten ausgraben

Solche Geschichten bewahrt die Historische Vereinigung des Bezirks Zurzach auf. Seit 100 Jahren gibt es sie. Eines der 400 Mitglieder ist Louis Tiefenauer. Ihm gehe es nicht um Dorfanekdoten, sondern um grössere Zusammenhänge, erzählt der pensionierte Naturwissenschaftler. «Die wichtige Geschichte von Döttingen beginnt 1850 mit dem Eisenbahnbau. Aber schon im Hochmittelalter hatte das Dorf als Weinbaudorf eine Bedeutung.»

Mann zeigt auf Bücherregal mit Steinen und Büchern.
Legende: Louis Tiefenauer sammelt Mineralien und Fossilien und hat zu Hause eine Art «kleines Museum». SRF/Alex Moser

Viele Menschen würden ihr Wissen für sich behalten. Die müsse man suchen, sagt Rolf Lehmann, Präsident der Historischen Vereinigung Bezirk Zurzach. «Wenn wir so jemanden finden, ist das ein grossartiger Moment.» So hat die Vereinigung eine Erzgrube in Tegerfelden AG aufgespürt.

Fachleute schätzen Wissen

«Dorfhistoriker sind für uns wichtige Kontakte, weil sie Wissen über Orte haben, das wir nicht griffbereit haben», sagt der Aargauer Kantonsarchäologe Thomas Doppler.

Das bestätigt Flavio Eichmann, Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG). Für die Forschung sei es ein Vorteil, wenn Informationen rasch verfügbar seien. Aber es gebe in der Branche eine Verschiebung vom Ehrenamtlichen hin zum Professionellen.

Nachwuchs fehlt

Wie in anderen Vereinen auch nimmt die Zahl der Mitglieder der Historischen Vereinigung ab. Zudem fehle der Dorflehrer von früher, der viel über die Gemeinde wusste, sagt Rolf Lehmann.

Geschichtsbuch auf einem Tisch neben Federmäppchen
Legende: Mehr Geschichte in den Schulen? Die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte kämpft dafür, dass Geschichte in der Volksschule wieder mehr Platz einnimmt. Keystone/Christian Beutler

Wichtig wäre es, dass Schülerinnen und Schüler die Dorfgeschichte ausserhalb des Klassenzimmers kennenlernen, glauben die Dorfhistoriker der Zurzacher Vereinigung. Man wolle die Jungen, und auch mehr Frauen, erreichen.

Dazu müsse man zu den Leuten, auch ins Internet: «Unsere grosse Sammlung elektronisch aufzubauen, wäre allenfalls auch günstiger als ein Museum», schätzt Vereinsmitglied Rolf Lehmann. Auch mittels Vorträgen, Schulungsmodulen und einem Comic-Wanderführer wollen sie Junge erreichen.

Professionalisierung kostet

Die Ansprüche an historische Darstellungen wachsen, sagt Flavio Eichmann von der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte (SGG). «Historische Fakten müssen gedeutet und kritisch hinterfragt werden.» Auch ohne Dorfchronisten seien die Daten verfügbar, aber das Recherchieren in Archiven brauche Zeit und koste Geld.

Die SGG berät Gemeinden, die ihre Dorfgeschichte professionell verfassen lassen wollen. Im Schnitt müsse man für eine 200-seitige Dorfchronik mit 150'000 Franken rechnen, sagt Eichmann. Die Arbeit eines studierten Historikers kostet. Das sei finanziell nicht für jede Gemeinde machbar.

SGG will wieder mehr Geschichte in Schulen

Box aufklappen Box zuklappen

Die Schweizerische Gesellschaft für Geschichte ist als Verein organisiert. An der Spitze der SGG steht die Generalversammlung: Sie wählt das Präsidium sowie die Mitglieder des Vorstandes.

Die SGG hat über 1800 Mitglieder aus dem In- und Ausland. Die Gesellschaft setzt sich für die Geschichtswissenschaft und historische Bildung und Forschung ein.

Kein eigenes Fach mehr

Seit der Umstellung auf den Lehrplan 21 ist das Fach Geschichte kombiniert mit Geografie, also kein eigenes Fach mehr in der Grundschule. Hier will die SGG dafür kämpfen, dass bei einer Revision des Lehrplans diese Fusion der Fächer rückgängig gemacht wird, heisst es auf Anfrage.

Die SGG beobachtet nicht nur die Geschichtsvermittlung in der Grundschule, sondern auch im Gymnasium, zum Beispiel bei Maturreformen.

Regionaljournal Aargau Solothurn, 5.1.2026, 17:30 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel