Die vier Kinder sind ausgeflogen, das Einfamilienhaus mit sechseinhalb Zimmern und Garten im Spiegel, einem Ortsteil in Köniz BE, ist zu gross und für Claudio (65) und Janette Picozzi (59) steht fest: Es braucht eine Veränderung. Auf einer Wanderung mit einem befreundeten Paar taucht die Idee vom gemeinsamen Wohnen im Alter auf – die Vision einer Hausgemeinschaft ist geboren. «Das war wie ein Gipfelerlebnis», erinnert sich Janette Picozzi.
2017 war das. Seither ist viel passiert: Picozzis haben ein Grundstück gefunden in der Berner Agglomerationsgemeinde Zollikofen, eine Wohnbaugenossenschaft gegründet, das Gebäude gebaut und stehen kurz vor ihrem Umzug in die neue Wohnung. Aus der Vision wird Realität.
Das Ziel ist es, dass wir möglichst lange zu Hause wohnen können.
«Das Andere Wohnen» nennt sich die Hausgemeinschaft. Die Mitglieder sind zwischen 56 und 81 Jahre alt. Einige wohnen allein, andere als Paar – verteilt auf 17 Wohnungen. Die Miete bewegt sich zwischen 1350 Franken für 1.5-Zimmer und 2650 Franken für 4.5-Zimmer. Zudem kaufen sich die Bewohnerinnen und Bewohner in die Genossenschaft ein, für 100'000 bis 190'000 Franken. Geld, das sie beim Auszug wieder zurückerhalten.
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Bild 1 von 6. Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner sind bereits eingezogen. Ende Januar ist die Hausgemeinschaft komplett. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 6. Zum Beispiel Catherine Walther: Die 69-Jährige zieht in eine kleinere Wohnung um. «So habe ich weniger Aufwand». Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 6. Fritz Studer ist mit seiner Partnerin eingezogen. «Wir wollten die Chance nutzen, solange wir noch selber entscheiden können», so der 81-Jährige. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 6. Das Gebäude ist so geplant, dass im Alltag spontane Begegnungen möglich sind: Zum Beispiel dank grosszügigen Laubengängen. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 6. Der Gemeinschaftsraum ist noch nicht fertig eingerichtet: Künftig könnte hier beispielsweise eine gemeinschaftliche Weihnachtsfeier stattfinden. Bildquelle: SRF.
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Bild 6 von 6. Die Hausgemeinschaft ist genossenschaftlich organisiert. Die Wohnungsmieten entsprechen der Kostenmiete. Bildquelle: SRF.
Das Ziel der Hausgemeinschaft sei es, so lange wie möglich zu Hause wohnen zu können und einander gegenseitig zu unterstützen, sagt Initiantin Janette Picozzi. «Das ist Lebensqualität und Lebensfreude im Alter.»
Dank Lauben Raum für Begegnungen
Diese Bedürfnisse widerspiegeln sich in der Architektur: Das zweiteilige Gebäude verfügt über einen Gemeinschaftsraum. Grosszügige Laubengänge vor den Wohnungstüren sollen spontane Kontakte im Alltag ermöglichen.
Zudem verfügt das Gebäude über 12 Schaltzimmer. Mit geringem Aufwand sollen sie der einen oder anderen Wohnung zugeteilt werden können – wenn zum Beispiel nach einem Todesfall die Wohnung zu gross wird. Sechs weitere separate Zimmer sind mit eigenem WC und Dusche ausgestattet. Heute werden diese Zimmer als Atelier oder Büro genutzt, künftig könnten dort Angehörige oder Fachpersonen aus der externen Betreuung übernachten.
Wir haben keinen Hauswart, keine Reinigungsfirma und keinen Gärtner.
Zum gemeinschaftlichen Wohnen hier sollen alle beisteuern. Aus diesem Grund hätten sie keinen Hauswart, keine Reinigungsfirma und keinen Gärtner. «Wir möchten alles selber machen», so Claudio Picozzi. «So können alle ihre Fähigkeiten einbringen.»
Wieso kein Mehrgenerationenhaus?
Die Hausgemeinschaft richtet sich an Menschen über 50 Jahre. Sie hätten sich bewusst gegen ein Mehrgenerationenhaus entschieden, so Janette Picozzi. «Eine ältere Person will im Gemeinschaftsraum ein Buch lesen und ein ruhiges Gespräch führen – und möchte dabei nicht über mehrere Kindervelos stolpern.». Aber: Grosskinder und Familien seien jederzeit willkommen – einfach nicht als dauerhafte Bewohnerinnen und Bewohner.
Acht Jahre sind vergangen seit dem Moment, als die Idee vom gemeinsamen Wohnen im Alter aufkam. Das befreundete Paar ist mittlerweile abgesprungen. Die Mitglieder der Hausgemeinschaft sind alles Personen, die Picozzis vorher nicht kannten, aber die mittlerweile zu Freundinnen und Freunden geworden sind.
Diese acht Jahre haben dem Berner Paar einiges abverlangt. «Wir sind sicher etwas naiv in diese Sache gestartet», sagt Claudio Picozzi heute. Aber der Aufwand habe sich gelohnt. Und für Janette Picozzi ist klar: «Das ist meine letzte Wohnung – hier möchte ich gerne sterben.» Es ist eine Vorstellung, die sie wohl mit den meisten Nachbarinnen und Nachbarn teilt.