Kurz vor seinem 93. Geburtstag ist der Gründer der Sterbehilfeorganisation Dignitas, Ludwig A. Minelli, gestorben. Minelli setzte sich während Jahrzehnten dafür ein, dass jeder Mensch über seinen eigenen Tod entscheiden kann. Der streitbare Jurist war massgeblich dafür verantwortlich, dass in der Schweiz das Thema Freitodbegleitung öffentlich diskutiert wurde.
Minelli wehrte sich gegen den Begriff der «Sterbehilfeorganisation»
Ludwig A. Minelli legte Wert darauf, dass seine Organisation nicht auf die Freitodbegleitung reduziert wird: «Dignitas heisst menschenwürdig leben und menschenwürdig sterben», so Minelli. «Und wir verhelfen ungleichviel mehr Leuten zum menschenwürdigen Leben und zum Weiterleben.»
Den Begriff «Sterbehilfeorganisation» lehnte er ab, wie er im Gespräch mit SRF sagte. Nach einem Beratungsgespräch mit Dignitas würden sich mehr Menschen für das Weiterleben entscheiden als den Freitod wählen, sagte Minelli. «Der ganze positive Bereich, den wir bewirken, wird nicht wahrgenommen. Und offenbar will man ihn nicht wahrnehmen.»
Ich habe über Nacht den Namen ‹Dignitas, menschenwürdig leben, menschenwürdig sterben› erfunden.
Gegründet hatte Minelli Dignitas 1998. Ursprung war ein Eklat an der Generalversammlung der Sterbehilfeorganisation Exit, für deren Generalsekretär Minelli damals als Rechtsberater gearbeitet hatte.
Die Mitglieder hatten sich dagegen ausgesprochen, Suizidprävention zu betreiben und die Freitodbegleitung für Menschen aus dem Ausland zu öffnen. «Ich habe über Nacht den Namen ‹Dignitas, menschenwürdig leben, menschenwürdig sterben› erfunden, habe die Statuen geschrieben und ab Montag waren wir operativ.»
Erfolgreiche Verfahren und bleibende Kontroversen
Ursprünglich hatte Minelli als Journalist gearbeitet. Mit knapp 50 Jahren schloss er ein Jurastudium ab, später machte er auch noch das Anwaltspatent. Er spezialisierte sich auf Fragen des Grundrechts und der Menschenrechte. Minelli führte verschiedene Verfahren erfolgreich vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
2011 gewann er gegen die Schweiz, als der Gerichtshof das Recht bestätigte, dass urteilsfähige Menschen selbst über den Zeitpunkt und die Art ihres Todes entscheiden dürfen.
Trotz solcher Erfolge, Minelli und Dignitas blieben umstritten. Für eine Kontroverse sorgte die Sterbehilfe für Menschen aus dem Ausland, die als Sterbetourismus kritisiert wurde. Auf Ablehnung stiess, dass die Organisation auch psychisch kranke Menschen in den Freitod begleitet. Für Diskussionen sorgte auch die Forderung nach Freitodbegleitung in Altersheimen.
Ein unbequemer Mensch
Bei allen Kontroversen, Minelli sah sich immer auf der Seite der Bevölkerung, wie er vor drei Jahren anlässlich seines 90. Geburtstags sagte. «Das Volk war immer auf unserer Seite, nur sture Behördenvertreter oder religiös gefärbte Parteipolitiker leisteten Widerstand.»
Ludwig A. Minelli war ein streitbarer, ein unbequemer Mensch, einer der sich für seine Überzeugung einsetzte und der das Recht auf Selbstbestimmung auch bei seinem eigenen Tod über alles andere setzte.